Silverman / Farocki

Von Godard sprechen

"Le Mépris" (Die Verachtung), 1963 (S. 47-49)


Le Mépris beginnt mit einem Bild vom Studiogelände in Rom. Raoul Coutard arbeitet an einer Aufnahme. Dieses Bild teilt uns mit: Le Mépris ist ein Film über den Zauber des Kinos. In derselben Weise behauptet ein Film, dessen Eröffnungseinstellung einen Mann mit Revolver in einem Hauseingang zeigt: Dies ist ein Film über das Verbrechen. Auf seinem Kamerawagen fährt Raoul Coutard langsam auf einer vertikal verlegten Schiene auf uns zu, begleitet von einem Tonmann mit Mikrophonangel und zwei Assistenten. Zu seiner Linken sieht man Gebäude von Cinecitta; hinter ihm die hügeligen Vororte Roms. Coutard und seine Mitchell-Kamera werden aus einem tiefen Kamerawinkel gefilmt, wie ein herannahender Zug im Western. In der Bevorzugung der Vertikalen gegenüber der Horizontalen zeigt sich ein überraschender Umgang mit dem Breitwandformat.

Coutard filmt Francesca, die parallel zur Schiene auf uns zugeht, während sie einen Text vorträgt. In der englischen Version des Filmes hören wir nur die tragischen Akkorde von Georges Delarues Musik. In der französischen Version spricht eine männliche Off-Stimme die Credits von Le Mépris.

So scheinen die Credits Teil der filmischen Erzählung, als ob ein Erzähler ankündigte: Dies ist die Geschichte von Camille und Paul und wie ihr Leben sich veränderte, als sie in das Magnetfeld der Filmproduktion gerieten. Francesca gerät aus dem Bild, als Coutards Mitchell heranfährt - offensichtlich ist die außerdiegetische Kamera eben darauf aus. Die männliche Off-Stimme bekräftigt, daß das Kino Gegenstand dieser Einstellung ist. "Das Kino", sagte André Bazin, "schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist. Le Mépris ist die Geschichte dieser Welt."

Nachdem er zum Stehen gekommen ist, schwenkt Coutard seine Kamera, die ebenfalls mit einem Cinemascope-Objektiv bestückt ist, auf uns zu. Dann neigt er die Kamera, bis wir direkt ins Objektiv schauen können. Das ist aus der Untersicht aufgenommen, und nun schneidet Le Mépris auf Camille und Paul, die auf einem Bett liegen. Die beiden erscheinen in Aufsicht, aufgenommen aus eben der Position, die soeben Coutards Kamera innehatte. Dadurch erscheint die Szene mit Camille und Paul wie der ideelle Gegenschuß zur vorigen Einstellung, die mit der Großaufnahme von  Coutards Kameraobjektiv endete und uns, vermittelt durch die Worte Bazins, eine Welt ganz nach unserem Begehren versprach. Es scheint, als ob die erste Einstellung von Le Mépris für "Kamera" steht und die zweite für "Bild". Und natürlich ist das, was hier als "Bild" erscheint, in erster Linie Camille, in all ihrer nackten Pracht. Ihr liegender Körper scheint geradezu für die Breitwand gemacht zu sein.

Diese Gleichstellung von Camille und Schauspiel (spectacle) erfährt noch eine zusätzliche Betonung, da Camille nun mit Worten unsere Aufmerksamkeit auf verschiedene Teile ihres Körpers lenkt. Sie bittet Paul, jede einzelne der von ihr genannten Stellen direkt oder im Spiegel, der sich außerhalb des Bildes befindet, zu begutachten und ihr darüber seine Meinung zu sagen. (...) Camilles Körper konnotiert allerdings eher Kunst denn Sex: Die Kamera nimmt ihn auf wie eine liegende Skulptur. Im Zusammenwirken mit dem roten und blauen Licht im Anfangs- und Schlußteil dieser Sequenz gewinnt man den Eindruck, Camille sei ein Wesen aus einer anderen Welt. Diese Aura behält sie auch im Mittelteil, wenn ihr Körper ohne Spezialeffekte in sinnlicher Intensität erstrahlt. Die Produzenten Carlo Ponti und Joseph Levine hatten von Godard verlangt, die Bardot nackt zu zeigen. Hier ist sie zwar nackt, aber nicht ausgestellt.

Diese aus einer einzelnen Einstellung bestehende Szene kehrt auf interessante Weise die traditionelle Form des Lobgesangs um. Über Jahrhunderte diente der Lobgesang den Dichtern als Mittel, um die Schönheit des menschlichen Körpers zu beschreiben - meist war es ein Mann, der die weiblichen Liebreize pries und sie in einem Akt, der faktisch einer Territorialisierung des weiblichen Körpers gleichkam, anatomisch fixierte. Im Gegensatz dazu betreibt in Le Mépris die Frau ihre anatomische Fixierung selbst und arrangiert auch den Lobgesang. Camille definiert ihren Körper nicht anatomisch, um ihn in Teilobjekte zu zerstückeln, sondern um sicherzustellen, daß er in all seinen Facetten angebetet wird - wie Paul es ausdrückt: "total, mit aller Zärtlichkeit, mit aller Tragik". Durch ihren Selbstlobgesang träumt Camille einen Zustand paradiesischer Erfüllung herbei: Liebe, die der Lust nach Liebe entspricht, im Verbund mit einer Sprache, die das auszudrücken vermag.