Mediengeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (22)

Film III



(1) Entwicklung der amerikanischen Filmindustrie bis 1914

Kinos

Die Entwicklung vom Jahrmarktkino zu den ortsfesten Häusern (Nickelodeons) ähnlich wie in Europa
1905 in Pittsburgh das erste feste Lichtspieltheater
Von Beginn an: Filmvorführungen, ohne Varieté oder Vaudeville.
5 Jahre später: ca. 10 000 Kinos in den Vereinigten Staaten

Vielzahl der Kinos: wirtschaftliche Grundlage für die Produktion und Entwicklung industrieller Strukturen
Schnelle Amortisation der Produktionskosten und Vergrößerung der Gewinne.

Besonderheit in den USA: der große, im Vergleich zu den europäischen Ländern nahezu unbegrenzte Binnenmarkt

Rechtlosigkeit und Raubwirtschaft
Selbstversorgung des Kinomarktes auf der Basis reiner Anarchie

Jerzy Toeplitz:
"Überall gab es Unternehmen, Verleihbüros und Vorführer, die auf eigene Rechnung Geschäfte machten und die ihren Kollegen Filmstreifen verkauften oder verliehen, nachdem sie sie ‘umfrisiert’ hatten. Die amerikanische Filmindustrie wuchs und entwickelte sich in einem Zustand der Rechtlosigkeit, der an die Themen vieler Szenarien erinnerte. Auf der Leinwand wie im Leben herrschten Korruption, Betrug, Diebstahl und nicht selten auch blutige Verbrechen."

Produzenten und Importeure: der Trust
die drei wichtigsten Firmen:
- Edison Manufacturing Company
- Biograph
- Vitagraph

1908 Zusammenschluß zum ersten Filmtrust: Motion Picture Patents Company (MPPC)
- Kinoapparaturen: die Edison-Patente
- Filmmaterial: Eastman-Kodak
- Kinobetreiber müssen 15 bis 125 Dollar wöchentlich an den Trust zahlen
- Produzenten entsprechende Lizenzen für das Material
- 116 Verleihbüros, die nur Filme der Trust-Mitglieder (und nur an Lizenz-Kinos) verleihen

Die Independents

Ihr großer Vorteil: Kinobesitzer näher an den Bedürfnissen des Publikums als der Trust

1912 Klage der Independents bei der Regierung
1915 das Oberste Gericht der USA annulliert alle Patente Edisons
1917 Bestätigung des Urteils - die MPPC verliert endgültig ihren Einfluß

Publikum

Vielfach Immigranten, durch soziale und kulturelle Defizite geprägt:
- in der Heimat gesellschaftlich deklassiert und ohne Perspektive
- ohne Schulbildung und überwiegend „illiterat"
- distanziert gegenüber dem neuen Lebenszusammenhang

Kino und sozialer Assimilationsprozeß:
"Hier erhielten sie (die Einwanderer) Lektionen im amerikanischen Lebensstil." (Toeplitz)




Der Western als Kreation der Independents

"Cowboyfilm": kreiert von Gilbert M. Anderson, Statist in E.S. Porters "Great Train Robbery" 1902  Konzept des Westernfilms im freien Gelände
1910  die New Yorker Produzenten beginnen, ihre Produktion nach LA zu verlegen
1911  Thomas H. Ince als Western-Regisseur eingestellt
1912  "Inceville" - das Produktionsgelände wird vergrößert, mehr Bauten, mehr Landschaft
1914  Beginn der Karriere von William S. Hart als Western-Star

Die Slapstick-comedy Mack Sennetts

Zwei Vorläufer: die französischen Filmgrotesken (Max Linder) und die volkstümlichen Burlesken auf der Bühne
Mack Sennett: Sänger, Tänzer und Clown in New Yorker Bourlesken-Theatern und Music Halls;
dann Schauspieler und Regisseur bei der Biograph.
1912 Direktor der Keystone Company

Charakteristika der Slapstick-comedy:

- Improvisation auf der Basis einiger weniger Grundmuster
- Tempo, Übertreibung, Häufung der Gags
- Situationskomik, „action", Chaos-Stimmung
- Alltagskatastrophen im Milieu der kleinen Leute, Kollisionen mit dem Gesetz
- drastische Verhöhnung der Ordnungsmacht in Gestalt der Polizisten („Keystone Cops")
- satirisches Spiegelbild einer grotesken, absurden Welt
- Abwesenheit des „gesitteten", gutbürgerlichen, erfolgreichen Amerikaners
- das Motiv des hilflosen Menschen in der  Auseinandersetzung mit der modernen Technik

David Wark Griffith

Von 1908 bis 1913 bei der Biograph: weit über 400 Filme

Ein Repräsentant des „gesitteten Amerikas"

Toeplitz:
"Die Filme von Gr. erinnerten an Pastorenpredigten für ein bürgerlich-saturiertes Publikum; getränkt von tränenfeuchter Sentimentalität, noch betont durch die goldhaarig-kindlichen Heldinnen, die reinen und unschuldigen Schönheiten Lillian Gish oder Mary Pickford."

1913: Vertrag bei der Mutual Company:  "Birth of A Nation" (1914)
Epos vom amerikanischen Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten

Der bisher teuerste und am sorgfältigsten vorbereitete Großfilm des amerikanischen Kinos: schnelle, dynamische Montage; bemerkenswerte Großaufnahmen; die "durchkomponierte" Leinwandfläche; Bewegung im Bild; die halbnahe, "amerikanische" Einstellung.

Griffith


(2) PRODUKTION UND FILMMARKT IN DEUTSCHLAND NACH 1900

um 1905: Beginn der Gründung ortsfester Kinos

zwischen 1907 und 1912: 300 bis 400 Betriebe allein in Berlin

Handelsformen:
Vertrieb funktioniert als Verkauf von Kopien
Kommissionshandlungen, Kopien-Tauschzentralen, Genossenschaften von Theaterbesitzern Zwischenhandel übernimmt die Aufgabe der Programmzustellung

1906 Gründung von ersten Kinoketten

"Kurzfilmzeit" (etwa bis 1910): Kinos überbieten sich mit der Programmwechselfrequenz pro Woche (der Kampf um zwei-, drei- bis siebenmaligen Wechsel): ein Verschleißprozeß, der in allen Bereichen das quantitative Denken forcierte und die Qualität ruinierte.

Zwei deutsche Produzenten: Messter und Davidson

Oskar Messter: der Qualitätsfabrikant des frühen deutschen Films

1910 pro Woche im Durchschnitt 2 Filme, 1911/12 schon jeweils ein "Drama", eine "Komödie" und eine "Aktualität"

Amortisationsschwierigkeiten: 1909 verkauft Messter durchschnittlich nur vier Kopien seiner Spielfilme.

Vom Kopienverkauf sind zu finanzieren:
- die technische Herstellung des Films
- Künstlergagen
- die laufenden Kosten der gesamten Fabrik, Atelier usw.
- Filmentwicklung, Bearbeitung, Kolorierung etc.
- Bürokosten und -gehälter
 

Paul Davidson: die Kinokette als Grundlage für weitere filmwirtschaftliche Aktivitäten
"Allgemeine Kinematographen-Theater GmbH", Frankfurt/M, gegr. 1906
1907 Union-Theater-Kette (ausgehend von Mannheim)
1910 Großhandelsunternehmen für Filmkopien (Verleih) und Filmtechnik; Umwandlung in die erste AG der deutschen Filmgeschichte und Umbenennung in "Projektions AG Union"
1912 Verdopplung des Stammkapitals, Umzug nach Berlin, Einrichtung von Produktionsateliers in Tempelhof