Mediengeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (19)

Film (I)

 


 
(1) Medienumbruch um 1900 und Modernisierung

Vorgeschichte: die sozialen und ökonomischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts:

- Industrialisierung
- Neuordnung der Märkte im globalen Maßstab (Kolonialismus)
- Hegemonialinteressen der führenden Mächte (Imperialismus)

Anforderungen an die traditionellen Gesellschaften durch

- Technisierung der Umwelt
- Urbanisierung
- neue Strukturen und Inhalte der sozialen Interaktion
- neue Formen der Öffentlichkeit und sich herauskristallisierender Teilöffentlichkeiten
- Veränderung der kollektiven Verhaltens- und Wahrnehmungsmuster.

Militarisierung und Medialisierung: Mediengeschichte als Geschichte der modernen Wahrnehmung
"Medialisierung": die Bewaffnung der Sinne - auf der Grundlage neuer Technologien.

Die Erfahrungen der Epoche sind traumatischer Natur - und sie drängen nach individueller  und kollektiver "Verarbeitung"

Das "Jahr der Kinematographie" 1895:
 
erst mit der technisch realisierten Projektion wird die kommerzielle Verwertung des neuen Mediums möglich, damit auch seine gesellschaftliche und kulturelle Wirksamkeit

Das neue Medium und sein Beitrag zur Bewältigung der von der Industrialisierung diktierten kulturellen und lebensweltlichen Erfahrungen

Beispiel Eisenbahn
vgl. Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise (1977)

Heinrich Heine, in: Lutezia, 1843
"Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unserer Anschauungsweise und in unseren Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt nur noch die Zeit übrig."


(2) Film: Das Medium der Bewegung, physisch und sozial

Der Erfolg des Kinos, 60 Jahre nach der ersten Eisenbahn: die kinetische Wahrnehmung

Greyhound running

E. Muybridge, 1878

 

Jules Etienne Marey über die Erinnerung, die Flüchtigkeit und die Kinematographie:

"Ich habe keine Erinnerung, ich besitze nur das Gedächtnis des Auges."

"Die Eigenartigkeit der Bilder entsteht durch das Festhalten eines flüchtigen und vergänglichen Gesichtsausdrucks, den wir in dieser Form niemals isoliert erleben."

"Die absolute Perfektion der Vorführungen, die natürlich von der Öffentlichkeit begeistert aufgenommen wird, ist nicht das, was mich am meisten beschäftigt. Die Chronophotographie wurde für wissenschaftliche Zwecke entwickelt. Ich möchte nicht ins Räderwerk des Kinematographen geraten."


Mehr über  Marey


Zentrale Leitmotive der frühen Kinematographie, international:

- die Beschleunigungseffekte des amerikanischen Slapsticks
- die moderne Industrielandschaft: die Filme der Brüder Lumière
- Massen in Bewegung - die Großstadt als Aktionsraum
- Selbstentfremdung des Individuums: der "expressionistische Film" in Deutschland

Internet:
Precinema History


(3) Film und Wahrnehmungsorganisation: Licht, Ton, Farbe, Montage

Die Moderne und die "künstliche Helligkeit"

- 19. Jh.: Vom Gaslicht über die Bogenlampe zur Elektrizität
- Bogenlampe: gleichmäßiges Licht, ausgestrahlt von zwei isolierten, gleichmäßig
  verglühenden Kohlenstäben (Elektroden)
- Elektrizität: die Lösung des Problems der zentralen Versorgung
- Edisons Kohlenfadenglühlampe (1879): die Imitation des Gaslichts durch eine neue Technik
- Ersetzung der Kohlenfäden durch Metall-Legierungen: Wolframlampe

Vgl. Wolfgang Schivelbusch: Lichtblicke, München/Wien 1983

Gasbeleuchtung:

Veränderung der städtischen Szenerie im neuen Licht: die Warenwelt des Kapitalismus im erleuchteten Schaufenster, die Boulevards als "Theatersaal", die Passanten als Publikum. Die Straße wird zum Innenraum: die Epoche der Passagen.

Die Elektrizität durchdringt den Alltag und die Kultur

Schivelbusch:
"In den Jahren 1880 bis 1920 begann die Elektrizität die moderne großstädtische Zivilisation zu durchdringen. Das Nahverkehrssystem, die Aufzüge, das Telefon, das Radio, das Kino, eine immer größere Zahl von Haushaltsgeräten waren ohne Elektrizität undenkbar. Die elektrische Energie wirkte auf die materielle Zivilisation nicht anders als auf den Körper."

Die expandierende Warenwirtschaft und die neue Lichtdramaturgie

"Die Kamera nimmt mein Auge mit. Mitten ins Bild hinein. Ich sehe die Dinge aus dem Raum des Films. Ich bin umzingelt von den Gestalten des Films und verwickelt in seine Handlung, die ich von allen Seiten sehe." (Béla Balazs, Der Geist des Films)

Von allen Seiten präsentiert sich auch die Ware:
Der Werbefilm ist so alt wie die Kinematographie.

Der Projektorstrahl: das Licht erschafft die Szene

Schivelbusch:
"Was den Lichtspiel-Medien (vom 19. Jh.) bis zur Cinemascope-Leinwand gemeinsam ist, trotz aller technischen Veränderungen in den letzten 150 Jahren, das ist die Dunkelheit des Auditoriums und die Helligkeit des Bildes. Hier tritt das Licht nicht als Beleuchtung einer vorgebenen Szenerie auf, sondern es schafft die Szenerie selber...In dieser Hinsicht ist der Film dem Feuer näher als dem Theater."

 

Vaudeville-Theater um 1895, umgewandelt für Filmprojektion
 
 

Early Cinema Poster 1898

MOVING PICTURE POPULARITY

This lithograph by the Donaldson Lithographic Company of
Cinncinati c.1898 is typical of how early films were portrayed at
least from an advertising perspective. It was not uncommon for the
filmmakers to allow a space at the top of the posters for the film
exhibitor to advertise their name, in this case, the American
Entertainment Company.

This particular poster depicts a film scene of troops in formation.
Not something we would pay to see today but something early
patrons lined up for. It was the draw of the technology, not the
subject matter, that first shook the world.

(Poster courtesy of the Library of Congress)


 (4)  Film und serielle Produktionsweise

Erst die serielle Produktion ermöglicht Massenproduktion - und die Entwicklung des Mediums zum Massenmedium

Kino und Warenhaus

Vgl. Siegfried Zielinski, Audiovisionen - Kino und Fernsehen als Zwischenspiele in der Geschichte, Reinbek 1989

"Darauf kommt es in der Perspektive einer Technik und Kultur integrierenden Geschichtsschreibung an: Kino als historisch besondere Form audiovisueller Praxis begann nicht mit den Vorführungen des Kinematographen Lumières. Nicht in der Invention des Films oder der kinematographischen Geräte, sondern im Entstehungsprozeß Kino reflektieren sich der Aufstieg und das Anwachsen der Klasse der Fabrikarbeiter und der neuen Unterschichten in den urbanen Ballungsgebieten. Deren Restzeitbedürfnisse, deren allmählich gewachsener Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, deren besondere Formen kollektiver Kultur der Straße, der öffentlichen Plätze und Räume waren die Voraussetzungen und zugleich die Projektionsfläche für das Entstehen der neuen kommerziellen Massenkultur Kino, in enger Verknüpfung mit der Zuspitzung von anderen Prozessen der Industrialisierung im Hochkapitalismus, besonders hinsichtlich der Zeit- und Dingwahrnehmung der Menschen. Das Sozio-Kulturelle, das sich in der Kinematographie Ausdruck verschaffte, war schon da, bevor diese ihre besondere apparatehafte Gestalt erhielt, und entwickelte sich mir ihr weiter."


Kapitalkonzentration nach dem 1. Weltkrieg: 

- größere Dimensionen
- bessere Ausstattung
- Einsatz der Elektrizität auf dem erreichten technischen Niveau
- Ateliers als „Traumfabriken" (Kracauer)

Ein zeitgenössischer Bericht über die Produktion des Bibelfilms "I.N.R.I." (Robert Wiene, 1921) in der ehemaligen Luftschiffhalle von Staaken:

„Vor dem Rundhorizont erheben sich Sandberge, malerisch belagert von rund 2000 Menschen. Fahrbare Berge, die man nach zwei oder drei Stunden einfach hinausschiebt, damit sie im Freien wieder zu Holz und Sand werden. Vom hohen Gerüst aus eine wundervolle Perspektive. Die gemalten Berge am Rundhorizont verschmelzen sich mit dem realen Werk des Architekten. Die Natur ist übertrumpft. Selbst die Sonne gehorcht dem Wink Robert Wienes. Sie geht auf und unter, so oft der Regisseur  will. Von oben blitzen Hunderte von Lampen, heben sich auf Hebeldruck, senken sich ganz oder geteilt. Schweinwerfer strahlen aus vierzig Metern - also fast himmelhoch, zucken von den Seiten. Wirklich ein Lichtermeer. Jetzt öffnen sich langsam, wie von Geisterhänden geschoben, die Riesentüren. Tageslicht flutet herein und vermählt sich mit den tausend elektrischen Kerzen. Die Aufnahme beginnt."