Mediengeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (16)

Das Jahr 1914


Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unbekannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit.
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

 


Das Jahr 1914

Der erste hochtechnisierte Krieg
- Luftkämpfe; schweres Dauerfeuer auf militärische und zivile Ziele; Panzerschlachten; Einsatz von Kampfgas; U-Boot-Krieg; Funktechnik

Luftaufklärung
- Flugzeuge und Fesselballons; Luftaufnahmen

Verkürzung der Seewege
- Panama-Kanal verkürzt den Seeweg zwischen USA und Europa um 8000 Seemeilen; Nord-Ostsee-Kanal als strategische Verbindung für die kaiserliche Kriegsmarine

Illusionen, politische und militärische Fehleinschätzungen
 

Stellungskrieg und Hungerblockade
 

Kriegsbegeisterung 1914
 

Gordon A. Craig, Geschichte Europas 1815-1980, S. 360f.:

"Der Ausbruch der Kriegshandlungen im August 1914 wurde in vielen Großstädten der größeren Länder mit nahezu karnevalistischer Fröhlichkeit begrüßt. In London herrschte eine Stimmung von Aufregung und Begeisterung. In deutschen Städten wurde den Reservisten auf dem Weg zu den Sammlungsstellen Blumen zugeworfen. In Wien promenierten Menschenmengen über die Ringstraße und riefen ganz offenkundig beglückt: ‘Nieder mit Serbien!’ Diese Ekstase resultierte natürlich aus der Unwissenheit. Niemand hatte im Jahre 1914 auch nur die geringste Vorstellung davon, wie der Krieg sein würde. Die Operationspläne der Generalstäbe zeigten, daß das Militär an einen schnell zu beendenden Krieg glaubte, der sich im wesentlichen nicht von den kurzen Konflikten der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts unterscheiden würde, und daß ihre Regierungen mit ihnen übereinstimmten, wurde deutlich in dem nahezu vollständigen Mangel an Planung für einen langen Krieg."

Kriegsbegeisterung der deutschen Intellektuellen, Literaten und Künstler    


Medien und Propaganda

Vgl. Harold Lasswell (amerik. Psychologe) über die Technik der Propaganda 1914-1918:

„Der seelische Widerstand moderner Völker gegen den Krieg ist dermaßen entwickelt, daß jeder Krieg als Abwehrkampf gegen einen drohenden, mordgierigen Angreifer hingestellt werden muß. Es darf kein Zweifel darüber bestehen, wen die Bevölkerung hassen soll. Der Krieg darf nicht einem Weltsystem internationaler Verwicklungen, auch nicht der Dummheit oder Bosheit der herrschenden Klassen, sondern nur der Raubgier des Feindes zugeschrieben werden. Schuld und Unschuld müssen geographisch abgegrenzt werden, und alle Schuld hat jenseits der Grenze zu liegen."
  
Printmedien 1914

Karikaturen

Wichtige deutsche Zeitschriften: „Simplicissimus", „Kladderadatsch"
England: „Punch"
Pazifistische Karikaturisten im kaiserlichen Deutschland:
George Grosz (nach 1918: "Das Gesicht der herrschenden Klasse", Malik Verlag)
John Heartfield (Foto-Montage als neue Bildsprache in der linken Propaganda)  

Otto Dix: Gaskrieg

Plakate

The Poster War: Alliierte Werbung für die Kriegsanleihe

Fotografie

Massenversammlungen im August 1914 in allen Hauptstädten
Abfahrt der Truppentransporte
Arbeit in den Munitionsfabriken
Bildpropaganda mit schwerer Artillerie
die Schlachtfelder und die Zerstörungen

 

Eine britische Website mit Fotos aus dem 1. Weltkrieg:
Trenches on the Web

Eine US-amerikanische Website:
Photos of the War

Propaganda mittels illustrierter Postkarten

Buchmarkt

Kriegslesebücher für die Jugend
Flottenkalender (besonders populär: Koehler’s Flottenkalender, Propaganda für die deutsche Kriegsmarine)


Technische Medien im 1. Weltkrieg

Funk und Radio

Sommer 1917: Hans Bredow (Gründer der ersten deutschen Funkstation in Nauen, 1906) überträgt an der deutschen Westfront in Frankreich für die Soldaten über die Frontfunkstellen erstmals kurze Unterhaltungsprogramme (Sprache und Musik)
 

Film

Der Kinotechniker Oskar Messter

Produzent der ersten deutschen Wochenschau ("Messter-Woche"), die ab 1914 im Beiprogramm der deutschen Filmtheater gezeigt wird.
 

Kriegswochenschau: Kampfszenen werden in der Regel in sicherem Gelände nachgestellt und mit jenen Propaganda-Effekten inszeniert, die für die Kriegsberichterstattung in den heimischen Kinos erwünscht sind.
 

Die nächste Stufe: Das Bild- und Filmamt (Bufa)

30. Januar 1917: Gründung des Bild- und Filmamts (Bufa) unter maßgeblicher Beteiligung der Militärabteilung des Auswärtigen Amtes

Zusammenfassung aller regierungsamtlichen und militärischen Film- und Presseabteilungen:
- Photo- und Filmzensurbüro,
- Pressebüro des Generalstabs
- Filmbüro des Auswärtigen Amtes.

Kinos

900 Feldkinos für die deutschen Truppen;

Zwischen April 1914 und November 1918 steigt die Zahl der Berliner Lichtspieltheater von 195 auf 312;

der deutsche Produktions- und Verleihsektor vergrößert sich von 25 auf 130  angesiedelte Firmen.

Kino-Boom im Krieg: Gegenwirklichkeiten

Gegenwirklichkeiten, Unterhaltung - zunehmend auch in serieller Form: die Jahre 1914 bis 1918 als Ära besonders erfolgreicher Detektivfilm-Serien, produziert u.a. von Joe May.
 

These 1:

Zwischen Krieg und audiovisuellen Medien existiert eine im Zeitalter der Industrialisierung wurzelnde Affinität, die vom 1. und 2. Weltkrieg über Vietnam bis zum Golfkrieg neue Produktionstechniken, neue Distributions- und Rezeptionsformen hervortreibt.

These 2:

Die Kriege dieses Jahrhunderts tragen erheblich zur „Globalisierung" der Audiovision wie auch zu ihrer rasanten technischen Entwicklung bei.
 

Informationen im Internet:
Zur deutschen Filmpropaganda im 1. Weltkrieg