Mediengeschichte des 19. und frühen 20 Jahrhunderts (13)

Jahrhundertwende


   

                    


Der Medienumbruch um 1900

Krise der Sprache, neue „Aufschreibsysteme"

Sprachkrise (I)

Rainer Maria Rilke, „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", entstanden 1904-1910


Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben und sagen. Aber es wird ein Tag kommen,
da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie schreiben heißen werde,
wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine. Die Zeit einer anderen Auslegung wird anbrechen,
und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken
sich auflösen und wie Wasser niedergehen.

Literatur:
Norbert Bolz,  Abschied von der Gutenberg-Galaxis. In: Hörisch/Wetzel (Hrsg.), Armaturen der Sinne
(s. Literaturverzeichnis)


Die „Zeit einer anderen Auslegung" = die Epoche der neuen, technisch fundierten Medien

Bolz:
 
„Das ganz neue Verstehen der synästhetischen Medien fällt in die Zeit der anderen Auslegung - jenseits des Buches, des Sinns und der Autorenintention. Es hat nicht in der aufgeklärten Öffentlichkeit von Gelehrsamkeit und Wissen statt, sondern im Raum der neuen Massenmedien."

Sprachkrise (II)

Hugo von Hofmannsthals „Brief des Lord Chandos an Francis Bacon", 1902

Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden
gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.
Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres
Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich
doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen. Ich empfand
ein unerklärliches Unbehagen, die Worte "Geist", "Seele" oder "Körper" nur
auszusprechen. Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten
des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein
Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher
Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut:
sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen
muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde
wie modrige Pilze.


Brief des Lord Chandos an Francis Bacon

Sprachkrise (III)

Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, 1901/02

Mauthner:

Aus einer Photographie des natürlichen Objektes könnte der Forscher allerdings
neue Kenntnisse schöpfen; aber der mechanischen Photographie würden im Bereich der Töne
nur unmittelbare Naturlaute und ihre Fixierungen entsprechen. Die Sprache kann niemals zur
Photographie der Welt werden, weil das Gehirn des Menschen keine ehrliche Camera obskura ist,
weil im Gehirn des Menschen Zwecke wohnen und die Sprache nach Nützlichkeitsgründen geformt haben.

Jürgen Schiewe:

Unser Wahrnehmungswissen beruht auf  "sozial erblich erworbenen Zufallssinnen", ist "nur
anthropomorphisch, konventionell, traditionell". Die Sprache nun beruht auf diesem
anthropomorphischen, mit den Zufallssinnen erzeugten Wissen. Insofern ist auch sie
anthropomorphisch, besitzt keinen Bezug zur Wirklichkeit. Wissenschaft ist nichts anderes
als ein Spiel mit jenem Wissen, mit der Sprache, mit der Erinnerung, dem Gedächtnis.
Sie ist eine soziale Konvention, die Gegenstände der Wirklichkeit auf eine bestimmte Weise
zu sehen, hat aber mit der Wirklichkeit selbst nichts zu tun. Die Sprache liefert dem Menschen
kein Abbild der Wirklichkeit, wie eine Photographie es tun könnte.

Literatur:
Jürgen Schiewe, Die Macht der Sprache - Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike
bis zur Gegenwart, München 1998

 

Medienumbruch: Technisierung, Urbanisierung, Medialisierung, Beschleunigung um 1900

Bolz:

„Die Sensation wird zum Maß für das neue Tempo des Lebens, mit dem nicht mehr Bücher,
sondern nur noch Plakate und Affichen Schritt halten können. Die Text-Environments dieser
Plakatwelt wechseln unaufhörlich und verleihen der Physiognomie großer Städte den Charakter
eines Zeitungsumbruchs. Die Botschaft des elektrischen Lichts ist die pure Information seiner Strahlung;
die Botschaft einer Nachricht ist die unmenschliche Geschwindigkeit ihrer Übermittlung."

Urbanisierung: Leben in wechselnden Bildern

Georg Simmel: Die Grosstädte und das Geistesleben, 1903

       Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer
       Individualitäten sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens,die aus dem
       raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke
       hervorgeht.

       Der Mensch ist ein Unterschiedswesen, d. h. sein Bewußtsein wird durch den
       Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden
       angeregt; beharrende Eindrücke, Geringfügigkeit ihrer Differenzen, gewohnte
       Regelmäßigkeit ihres Ablaufs und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen
       weniger Bewußtsein, als die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der
       schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfaßt, die
       Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen.

       Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft - mit
       jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des
       wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens - stiftet sie schon in den
       sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens, in dem Bewußtseinsquantum, das sie
       uns wegen unserer Organisation als Unterschiedswesen abfordert, einen tiefen
       Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren,
       gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen
       Lebensbildes.

       Daraus wird vor allem der intellektualistische Charakter des großstädtischen
       Seelenlebens begreiflich, gegenüber dem kleinstädtischen, das vielmehr auf das
       Gemüt und gefühlsmäßige Beziehungen gestellt ist.

       Georg Simmel online  (Werke im Volltext)

Film

Die zerstreute Rezeption der Massen

Literatur:
Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

der Film „als der derzeit wichtigste Gegenstand jener Lehre von der Wahrnehmung, die bei den Griechen Ästhetik hieß."

Bolz:  "Das Kino ist die Schule der neuen taktilen Apperzeption

Die Edison-Site der Library of Congress

Ein Film aus der Edison Factory, um 1900 


- schockhafte Nähe
- Prinzip der Sensation
- Filmaufnahme als Eingriff in die Dingwelt: Zeitraffer, Zeitlupe, Stopptrick, Montage
- Zerstückelung der Bilder
- Erschließung des „Optisch-Unbewußten"