Glasfasern 76


Lauschangriff

 
Schon Harun al Raschid beschäftigte sich mit der Idee des Großen Lausch­angriffs - ganz unversehens
kam dabei so etwas wie ein sehr orientalischer, aber of­­fen­­bar gut funktionierender Wohlfahrtsstaat heraus. Dem Herrscher ge­fiel es, wohl gegen den Rat seiner Wesire, sich anonym unter seine Unterta­nen zu begeben, die Ohren zu spitzen und auf diese Weise zu erkunden, was man landauf, land­ab über Gott und die Welt, den Staat und die Politik, über die Finanzen im allgemei­nen und die Steuern im besonderen sich so dachte. Daß der Kalif, ausgestattet mit einer vergleichsweise soliden Informationsbasis, zu einem weisen und wohltätigen Herrscher wurde, war beinahe unvermeidlich - und die Innere Sicherheit nur ein Nebenprodukt.

Die katholische Kirche praktiziert den Großen Lauschangriff seit ihren Anfängen mit durchschlagendem Erfolg über ihre Beichtstühle, und man muß ihr zugestehen, daß sie so unterschiedliche Dinge wie Sündenvergebung und Spionage, Demut und Machtobsession, Wohltätigkeit und infame Quälerei im Laufe ihrer Geschichte zu einer vollendeten Synthese gebracht hat. Etliche Imperien mit ihren Ge­heim­diensten sind in den vergangenen zweitausend Jahren dahingesunken - die sanc­ta ecclesia hat sie alle überlebt. Historiker und Gesellschaftswissenschaftler schrei­ben diesen Umstand gemeinhin der Magie der Heilsbotschaft zu, aber vielleicht solltensie  sich mehr Gedanken über den Beichtstuhl machen, über seine macht­sta­bilisierende Funktion und über die raffinierte Methode, mittels der Inneren Sicherheit den Einfluß nach außen kontinuierlich auszudehnen.

Die Nationalsozialisten haben den Versuch unternommen, das Volk durch sich selbst belauschen zu lassen - mit dem Resultat, daß dem Volk das Vermögen, zwischen den eigenen Interessen und denen seiner Führer zu unterscheiden, abhanden kam und diejenigen, die an dieser Unterscheidung festhielten, an die damaligen Instanzen der Inneren Sicherheit ausgeliefert wurden. Sobald sich die Heilsbotschaft der Nazis als heller Wahn­­sinn entpuppte, brach auch ihr Großer Lauschangriff zusammen; der letzte Bericht des Sicherheitsdienstes der SS, der den Führer nicht mehr erreicht hat, schließt mit der bemerkenswerten Feststellung, daß alles Bespitzeln für die Katz’ gewesen sei und das Volk die Nase gestrichen voll habe. So ergeht es Herrschern, die - anders als Harun al Raschid oder die katholische Kirche - von Dialektik nichts verstehen.

Nun haben wir eine Demokratie - und der Große Lauschangriff soll nicht nur richtig demokratisch durchgeführt werden, sondern er wird auch, erstmals in der Geschichte, auf den ihm gebührenden militärischen Begriff gebracht. Wir haben  eine katholisch-dialektisch gestimmte Opposition, die mit der Regierung vollkommen einer Meinung und zum Lauschangriff ebenso wie zur vorbereitenden Attacke  auf die Verfassung fest entschlossen ist. Wir haben vor allem eine Technik, von der die Regierenden annehmen, daß sich mit ihrer Hilfe die Demokratie verbessern und die Innere Sicherheit aus einer Angelegenheit (politischer) Weisheit oder gar (so­zia­ler) Wohl­fahrt in eine Frage fachgerechter elektronischer Installationen umwandeln läßt. So­mit sind die notwendigen Voraussetzungen geschaffen, um den Verfassungsgrundsatz, daß unsere Wohnung unverletzlich sei, in der Glasvitrine unserer hehren Absichtserklärungen aufzubewahren und gleichzeitig außer Kraft zu setzen - ein Schick­sal, das zuvor bereits dem Asylrecht widerfuhr. Umstritten ist allein noch die Frage, ob es nicht zweckmäßig sei, das akustische Belauschen auf das op­ti­sche, also den Beichtstuhleffekt auf die Schlüssellochperspektive auszuweiten. Auch in diesem Punkt wird sich vermutlich die Rechtsauffassung durchsetzen, daß ver­fassungsmäßig sei, was technisch realisierbar ist.

 

Klaus Kreimeier


1997