Glasfasern 10  

Cogito

 Daimler-Chef Jürgen Schrempp zerschlägt den Dornier-Konzern, veräußert die Reste nach Singapur, wickelt die AEG ab und feuert Manager. Diese Linie, so eine Verlautbarung des Vorstands, entspreche seiner "Philosophie, für klare Entscheidungen zu sorgen". Siemens-Chef Heinrich von Pierer will "Effizienzbewußtsein, Innovationsfreude und Mut zur Kreativität" in seinem Imperium ankurbeln, jeder Mitarbeiter solle sich für den Erfolg von Siemens verantwortlich fühlen. Seine Initiative nennt von Pierer einen cultural change.

Um die Pflege der Kultur im allgemeinen und die der Philosophie im besonderen muß uns nicht bange sein, wenn sie nun von den Spitzenkräften unserer Industrie in Angriff genommen wird - und sei es mit der Brechstange. Sollten dabei bessere Autos und Glühbirnen mit längerer Lebensdauer herauskommen, hätte man die unter dem Begriff "Kultur" zusammengefaßten brotlosen Künste samt der schlawinerhaften Unsitte, auf Kosten des Gemeinwesens der Liebe zur Weisheit nachzugehen, endlich einer sinnvollen Nutzung zugeführt.

Es bleibt nur der dumme Verdacht, daß inzwischen auch die Herren auf den Chefetagen bloß von einer semantischen Woge erfaßt wurden (und alsbald rittlings auf ihr Platz genommen haben), die längst das Gebrabbel des Alltags unterspült und vollkommen neue Konnotationen geschaffen hat - spätestens seitdem der Vorstopper erfunden war und jeder Bezirksligatrainer plötzlich von einer neuen "Philosophie" des Fußballs sprach. Und als "cultural change" wollte uns ja, seiner Wortgewandtheit nach zu schließen, auch Beckenbauer seinen Hinauswurf von Rehhagel verkaufen, der dann prompt dahin führte, wo seine Mannschaft kulturell schon fast die ganze Saison herumgedümpelt war: auf Tabellenplatz Nummer zwo.

Während die Kultur realiter abgebaut wird, geht ihr Begriff auf den Strich und bietet sich als "Unternehmenskultur", "Streitkultur" etc.pp. in jeder gewünschten Stellung an. Es gibt keine herausragenden philosophischen Köpfe mehr, aber die Gesellschaft philosophiert auf Deubel komm heraus. Kein Staubsaugervertreter, der nicht mit einer neuen "Verkaufsphilosophie" auf den Weg geschickt wird. Möglicherweise liegt hier eine Erklärung dafür, daß heute jeder zweite Satz, der vor einer laufenden Fernsehkamera gesprochen wird, mit der schockierenden Mitteilung beginnt: Ich denke...

Schwer zu sagen, wer damit angefangen hat; möglicherweise unsere Umweltministerin Angelika Merkel. Aber wie dem auch sei: das umständliche  Ich gehe davon aus, daß... gehört der Vergangenheit an. Heute wird auf Biegen und Brechen gedacht - von Rummenigge über die FDP-Yuppies bis Antje Vollmer. Descartes' Existenzbeweis hat eine Umkehrung erfahren: Ich bin (eine öffentliche Person), also denke ich.

"Denken in Ruinen" heißt eine neue Aufsatzsammlung aus der Kultur- und Philosophiefabrik Suhrkamp. Betrachtet man die Lage des Industrie- und Kulturstandorts Deutschland, nicht zuletzt die derzeitige Qualität unseres Fußballs, trifft dieser Titel den Nagel auf den Kopf.

Klaus Kreimeier

1996

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