GLASFASERN  6

 FÜRSTENWILLKÜR

 Der Bund für Umwelt und Naturschutz hat Andreas Graf von Bernstorff für seinen Widerstand gegen das Atommüll-Endlager in Gorleben mit einer Medaille ausgezeichnet. Der wackere Adlige weigert sich standhaft, seine Anteile am Gorlebener Salzstock an den bürgerlichen Staat abzutreten und damit zuzulassen, daß das Erbe seiner Ahnen als Schrotthalde einer gefährlichen Energiepolitik mißbraucht wird. Soweit ist es also gekommen: Das Volk, das von den Fürsten einst zu Paaren getrieben, ausgeplündert, in mittelalterlichen Stammeskriegen verheizt oder an fremde Heerführer verkauft wurde, findet heute in den letzten blaublütigen Grundbesitzern verläßliche Bündnispartner im Kampf um die Erhaltung seiner Lebensgrundlagen.

Was haben die Bauernkriege seit dem 16. Jahrhundert, die Kampagnen zur Fürstenenteignung nach dem ersten Weltkrieg und die Bodenreformen nach dem zweiten uns letztlich gebracht? Industriereviere, Autobahnen, metallische Schädelstätten, vermintes Gelände und Endlager für radioaktive Brennstäbe. "Junkerland in Bauernhand" lautete einst eine volkstümliche Parole in der sowjetischen Besatzunszone, bevor diese zur DDR und zum Experimentierfeld fortschrittsbesessener Expropriateure wurde - und schließlich zum Endlager eines Alptraums, der die Junker zwar vertrieben, aber auch Bauernopfer ohne Zahl gefordert hat. Etliche Millionen Kulaken haben die Sowjets unter die Erde gebracht, damit auf dieser Staudämme, Elektrokombinate und schließlich die Reaktorblöcke von Tschernobyl entstehen konnten.

Keine Frage: Grundbesitz, geht er über bestimmte Größenordnungen hinaus, widerspricht dem demokratischen Prinzip. Aber der Staat, als kollektiver Verwalter enteigneten Bodens, garantiert noch lange keine Gerechtigkeit, auch nicht die Wohlfahrt des Gemeinwesens. Riesige verstaatlichte Terrains in der Welt sind heute radioaktiv verseucht, von Tellerminen übersät, zubetoniert oder auf andere Weise unbewohnbar geworden. Der Sieg der Demokratie war auch die Stunde der Technokraten, die nur darauf warteten, beträchtliche Teile der Erdoberfläche mit einem Metallpanzer zu überziehen.

Schon im 19. Jahrhundert trug die Einführung der Eisenbahn nicht nur den kleinen Bauern, sondern auch manchem Junker Scherereien ein. Und ausgerechnet eine für die Stillegung vorgesehene Bahnstrecke wird heute im noch immer bäuerlichen Niedersachsen wieder aktiviert, damit "Castor" nach dem Fahrplan der europäischen Atomindustrie mit verstrahltem Müll nach Gorleben rollen kann. Demokraten, Nachfahren der Leibeigenen und Fürstenenteigner von einst, sägen die Schienen an und zerschneiden die Leitungen, weil ihnen die Fürstenwillkür von heute, der Absolutismus der Sachzwänge, gegen den Strich geht. Ein gespenstischer postmoderner Transport rumpelt unter den Pfiffen des Volks, flankiert von Polizeikolonnen, über marode Eisenbahnbrücken ins Ziel. Dort aber steht noch immer Andreas Graf von Bernstorff, Forstwirt seines Zeichens, Statthalter obsoleter Besitzverhältnisse und einer überholten Landschaftsordnung, vor seinem Salzstock und beweist Bürgermut: Bis hierher und keinen Meter weiter!

 

Klaus Kreimeier

1996

zurück