Glasfasern 5

 Vom Verschwinden

 Die Wirklichkeit verschwindet - das sagt man so dahin: ein Understatement, das sich bewußt der Dramatisierung bedient und sie gleichzeitig ironisiert, um sich nicht als Pfeifen im Walde erkennen geben zu müssen. Schließlich sind unsere Tage noch immer mit Wirklichkeit vollgepackt, da wird wohl nichts so schnell verlorengehen. Sorgen machen uns gelegentlich die Verluste in kleinen Rationen. Man studiert die Aufschrift auf seinem Joghurtbecher und stößt auf alle möglichen "naturidentischen" Ingredienzien; in diesem Fall darf man sicher sein, daß etwas, was es einmal gab, nicht mehr vorhanden ist, jedenfalls nicht in diesem Joghurtbecher. Etwas Identisches ist an die Stelle des Wirklichen getreten, also vermutlich etwas ganz anderes.

Auch läßt der massenhafte Andrang "rundfunkähnlicher Dienste" in der "Medienlandschaft" argwöhnen, daß über kurz oder lang der Rundfunk verschwinden wird. Nun gut, Landschaften verändern sich im Laufe der Zeit, und wo etwas verschwindet, entsteht eben etwas Neues. Es fällt allerdings auf, daß dieses Neue mit Vorliebe seine Ähnlichkeit oder gar seine Identität mit dem Verschwundenen anpreist. Dies bestärkt eher unseren Verdacht, daß mit dem naturidentischen Joghurt oder den rundfunkähnlichen Diensten sich nicht neue Wirklichkeiten, sondern - in kleinen Portionen, aber unaufhaltsam - Vorboten des Nichts in unseren Alltag schieben könnten.

Die Deutsche Bahn AG hat, was das Verschwinden betrifft, andere Wege eingeschlagen. So schafft sie zum Beispiel den Bahnsteigschaffner, den Mann mit Kelle und Trillerpfeife, ganz ab - ersatzlos sozusagen, ohne Wenn und Aber und ohne eine identische oder auch nur ähnliche Figur einzuführen. Der Mann kommt weg, das ist Beschluß. Die Bahn riskiert hier ganz bewußt einen Kulturbruch und verkündet, daß eine Ära ein für allemal zu Ende sei. Gleichzeitig jedoch führt sie ausgerechnet den Gepäckträger, den wir gemeinhin mit den Eisenbahnfilmen aus der Belle Epoque verbinden, wieder ein. Die großen Institutionen, die sich heute mit dem Verschwinden des Wirklichen befassen, sind also dieselben, die aus gegebenem Anlaß alte, längst verlorengeglaubte Wirklichkeiten wieder aus dem Hut zaubern. Und eben dies: daß hier gezaubert, daß hier etwas "virtualisiert" wird - das bereitet uns offensichtlich die meisten Kopfschmerzen.

Zu Ostern war eine "Sommer-Rodelbahn" im Thüringischen Wald wider Erwarten noch tief eingeschneit. Man mußte die Anlage von den Schneemassen befreien, um sie termingerecht dem Sommerbetrieb zu übergeben. Einer Sporteinrichtung, dazu geschaffen, unter sommerlichen Bedingungen Winterfreuden zu simulieren, wurde der Winter ausgetrieben, um eben diese Simulation zu ermöglichen. Eine doppelte Virtualisierung des Wirklichen, in deren Verlauf Sommer und Winter gleichzeitig weggezaubert wurden. Möglicherweise verschwindet die Wirklichkeit nicht, aber sie wird zum Fake.                                                                             

 Klaus Kreimeier

1996

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