Glasfasern 4 


Besitzstände          

Es habe keinen Sinn, heute um jeden Preis Besitzstände zu verteidigen, die vor vierzig oder noch mehr Jahren, jedenfalls in grauer Vorzeit erkämpft wurden, lehrt uns eine Zeitung in Deutschland, die der Formel vom "Umbau des Sozialstaats" von ihrem Standpunkt zurecht mißtraut, weil sie die Illusion fördern könnte, es gehe nur darum, die Angebotspalette der Wohlfahrtsleistungen ein bißchen umzusortieren. Was der Autor für wirklich erforderlich hält, verschwindet dann allerdings in der sattsam bekannten Leitartikel-Prosa, die das knifflige Paket aus Steuern, Sozialabgaben, Arbeitslosenquote, Rentensystem und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall erst umständlich auf- und sodann ebenso sorgfältig wieder zuschnürt - und diesen Vorgang solange wiederholt, bis auch dem letzten Leser klargeworden sein muß, daß hier jemand den Stein der Weisen gefunden hat, obschon die Materie auch bei geduldiger Lektüre keineswegs "transparent", sondern im Gegenteil undurchdringlicher denn je geworden ist. Den Teufel, der sonst im Detail steckt, läßt diese Zeitung lieber in den großen Worten spuken, die sie gelassen ausspricht - wohlwissend, daß gerade die Nonchalance, mit der sie Unumstößliches bekundet, abendländisch umwölkter Zustimmung sicher sein darf. Es hat also keinen Sinn, um jeden Preis Besitzstände zu verteidigen, die vor vierzig Jahren erkämpft worden sind. Vierzig Jahre - das ist eine Zeitspanne, in der halt vieles rostet. Die Klassenkämpfe der fünfziger Jahre in allen Ehren - aber wo kämen wir hin, wenn wir nicht sähen, wie dick die Staubschicht ist, die sich über den sozialen Parolen von 1956, über Ludwig Erhards Vision einer "sozialen Marktwirtschaft" (ganz zu schweigen vom Ahlener Programm der CDU) angelagert hat?

Folgte man dieser Logik, wäre viel abzuräumen - je weiter wir zurückblicken und uns im Krebsgang durch die Geschichte bewegen. Die Verfassung der Republik? Großer Gott, sie ist schon fast ein halbes Jahrhundert alt! Ihre "Väter", diese sonderbar ausgemergelten Gestalten, muß man sich genaugenommen als Großväter vorstellen, ausgestattet mit Rauschebart, viel gutem Willen und (siehe Asylrecht) allerhand weltfremden Flausen im Kopf. Die Einführung des Acht-Stunden-Tags? Ein Besitzstand, der vor 80 (in Worten: achtzig) Jahren erkämpft wurde. Pressefreiheit, Freiheit von Forschung und Lehre gegenüber Sachzwängen, Kapitallogik und politischer Einflußnahme? Alte Hüte aus dem Vormärz, Aufklärungsschrott. Die Erklärung der Menschenrechte von 1791?  Die Jahreszahl sagt alles. Urväterhausrat. Besitzstände, die in die Mottenkiste gehören.

Die Einsicht, daß es kein Vorwärts in der Geschichte gibt, könnte uns dazu verleiten, den Rückwärtsgang so energisch zu betätigen, daß der Motor seinen Geist aufgibt - und die Menschheit die Erinnerung an die wenigen Geistesblitze, zu denen sie im Lauf ihrer Geschichte fähig war. Sie verfallen zu "Besitzständen", die von den Mikroprozessoren einfach weggerechnet werden, wenn die neuen Daten es verlangen. Die Rechner erzählen uns das Märchen von Hans im Glück: Es hat keinen Sinn, Besitzstände zu verteidigen, sagen sie uns - sie können schon morgen veraltet sein. So katapultieren uns die Modernisierungsschübe, die uns Wirtschaft und Politik verordnen, in eine Zukunft ohne Hinterland. In eine ewige Gegenwart, die alles Vergangene losgeworden ist - und sich unversehens als ein "neuartiges, planetarisches Mittelalter" (Edgar Morin) erweisen könnte.

Klaus Kreimeier

1996

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