Glasfasern 3 


Stau                    

Im Stau kommt ein Kriegszustand zu erzwungener Ruhe. Erst zähflüssiger  Verkehr, dann Schrittempo, schließlich gehts nichts mehr. Der Schlachtenlärm verstummt nicht ganz, aber er verwandelt sich in ein gleichmäßiges, sonores, die Nerven beschwichtigendes Summen, das an den Frieden denken läßt, an das Schweigen der Waffen am Ende aller Zeit. Der Staubewohner ist ein Mensch, dem der Gedanke vertraut ist, daß alles ganz anders eingerichtet sein könnte - die Welt, das Leben, die Nacht und der Tag, das Verhältnis zur Entfernung, die Wahrnehmung von Zeit und Raum. Bald stellt er den Motor ab. Das rumorende Summen, das noch an den Krieg erinnern mochte, wird nun schwächer; aus dem Gebüsch ist unerwartet Vogelgezwitscher zu hören. Allmählich zieht die Dämmerung herauf.

In den Schneefällen des letzten Winters fraß sich der Stillstand, schon als Vorbote der Wetterfront, großräumig über das Land. Stau zwischen Dortmund und Hannover. Eine verkehrsberuhigte Zone, überregional, die mit der sinkenden Dunkelheit, im stärker werdenden Schneetreiben ins Urweltliche sackte; wie vermummte Saurier ergaben sich die steckengebliebenen Lastwagen ihrem Los. Der letzte Motor erstarb; die Scheinwerfer erloschen - Stau auf fünzig Kilometern, lautlose Stille, Schnee und Nacht. Halbstündig kamen über das Autoradio Nachrichten über einen Notstand auf der A 2.

Aber der Stau ist ein Notstand, der alle Not relativiert. Während er das Handlungsbedürfnis in Fesseln legt, gibt er die Gedanken frei. Entgrenzung des Bewußtseins im Zustand absoluter Ruhe, eine asiatische Erfahrung. Die Zeit verrinnt, aber die Stunden zählen nicht mehr. Wenn gegen Morgen, aus unerfindlichen Gründen, wieder Bewegung in die Karawane kommt, ist aus der Bewegung etwas Fremdes geworden. Die Welt ist wieder da, aber sie scheint ihr Gewicht, ihre Realität verloren zu haben. Das Hirn muß sich üben, wieder Kommandos zu geben, Wahrnehmungen zu sortieren, die Signale umzustellen: Rückkehr in den ganz normalen Krieg.

Die Gesellschaft behandelt den Stau als Störung, sie wittert hier ein memento mori der Zivilisation. Sie erfindet "Verkehrsleitsysteme", um dem Stillstand zuvorzukommen, und entsendet Hubschraubergeschwader mit "Staupiloten", die dem Staubewohner über das Autoradio Beistand leisten sollen. Staupiloten sind Organisatoren und Seelsorger. Sie handhaben die Geographie als Maschine, die der besseren Übersicht wegen über ein kompliziertes System aus der Luft gesteuert wird. Ihre festen Stimmen vermitteln die Gewißheit, daß sie die Betriebsanleitung richtig anwenden. Wer im Stau steckt, erfährt allerdings die Geographie nur im Konjunktiv: das Straßennetz der Republik als ein Meer verpaßter Möglichkeiten.

Das Stau-Warnsystem, das jetzt jeden Morgen im Fernsehen erscheint, nennt die ARD mit Recht ein "neues Verkehrsystem": beim Frühstück können unsere Augen als virtuelle Staupiloten "bundesweit" über das Land wandern und die Lage auf seinen Straßen inspizieren. Eine "neu entwickelte Zoom-Funktion" der Spezialkamera gewährt uns Naheinstellungen auf besonders heikle Verknotungen, Grenzübergänge und "stark frequentierte Bundesstraßen" inklusive. Leuchtende Würmer, die über eine Landkarte kriechen.

Klaus Kreimeier

1996

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