Glasfasern 2

WUTSCHAUM

 Brecht hat mit der Firma Krupp so wenig gemeinsam wie Goethe mit dem  Frankfurter Hauptbahnhof, aber immerhin soviel, wie es einem einschlägig vorbelasteten Verwechslungs-Feuilletonisten bei seinen Bocksprüngen durch die Kulturgeschichte gerade in den Sinn kommt. Für Fritz J. Raddatz ist eh' alles Jacke wie Hose, erst recht wenn es wieder einmal darum geht, die Entdeckung, daß das Triviale trivial sei, unter mächtiger Wutschaumschlägerei an die große "Zeit"-Glocke zu hängen und das "Gewäsch" der Fernseh-Talkshows, igittigitt, durch die Spülgänge der neuesten deutschen Kultur- und Sittenwacht zu jagen.

Ein Filmbericht über einen Minister, der durch den Rhein schwimmt, gebe über den Minister, den Rhein und die Politik so wenig her wie eine Fotografie der Krupp-Werke über Krupp, rügt Raddatz mit bildungsbürgerlichem Naserümpfen die TV-Schmuddelredakteure und empfiehlt ihnen, Brecht nachzulesen. Er sollte es selber tun, denn Brecht hat bekanntlich nicht von einem Krupp-, sondern einem AEG-Foto gesprochen. Wer die Wahrheit liebt, sollte gerade dann penibel sein, wenn er in ihrem Namen gegen die Verlogenheit des Fernsehens zu Felde zieht und so hehre Dinge wie Würde und Aufklärung einklagt. Inzwischen wissen wir, daß von diesem Aufklärer gerade soviel Aufklärung zu erwarten ist, wie sein offenbar explodierter Zettelkasten gerade hergibt.

Hätte Raddatz im übrigen etwas genauer über Brecht nachgedacht, so ahnte er, daß ein dreiminütiger Film über den rheindurchschwimmenden Minister Töpfer plus Interview einen Informationsreichtum enthält, der einen vorwiegend Desinformationen verbreitenden "Zeit"-Leitartikler vor Neid erblassen lassen müßte. Erinnern wir uns: Man sah den Rhein in einer bestimmten Jahreszeit, in Farbe. Man sah einen deutschen Minister im Badeanzug und mit Schwimmflossen. Wenn man den Ton abstellte (was bei der Lektüre eines Artikels von Raddatz z.B. nicht möglich ist), konnte man sich seine eigenen Gedanken machen und seinem Erstaunen über den Surrealismus der Aufführung freien Lauf lassen. Stellte man den Ton wieder an, erfuhr man, daß sich der Minister ganz andere, jedenfalls keine surrealistischen Gedanken machte. Seine Verlautbarungen hatten etwas mit unserer Umwelt und der Verschmutzung des Rheins zu tun. Die Kamera, die uns dieses Bild zeigte, zeigte auch eine andere Kamera, die gleichfalls auf den Minister gerichtet war, und erklärte uns so vermittels eines hochgradigen V-Effekts, daß das Ganze eine Inszenierung, der Minister ein Schauspieler und die zerstörte Umwelt nichts anderes als die Staffage für einen politischen Auftritt war.

Raddatzens Schnauberei über "Klamauk" und "Aufkläricht" in den Fernsehbildern ist peinigend platt. Sie tappt ahnungslos mal hier, mal dort hin - wie seine Belehrungen über Goethe und Brecht. Kulturkritik als Topfschlagen oder Blinde Kuh-Spiel. Brecht hatte ja recht: eine Fotografie der AEG sagt nichts über die Ausbeutungsverhältnisse in der AEG. Aber das berühmte Foto des Turbinenhauses der AEG will nicht Ausbeutung zeigen, sondern für die Nachwelt festhalten, wie 1909 das von Peter Behrens gebaute Turbinenhaus der AEG ausgesehen hat. Heute wissen wir etwas mehr über die Oberflächen unserer Zivilisation und sind im Begriff, sie lesen zu lernen. Leute, die lieber in die Tiefe steigen, reden zwar von Goethe, verstehen aber immer nur Bahnhof.

Klaus Kreimeier

1996 

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