Glasfasern 1  

HEILSAME BREMSEFFEKTE

 

Die sprichwörtliche Langsamkeit komplexer Verwaltungsapparate ist seit Einführung der elektronischen Datenverarbeitung nicht mehr (nur) auf den Beamtenstatus der in ihnen mehr oder weniger tätigen menschlichen Arbeitskräfte zurückzuführen, sondern vor allem auf den technischen Beschleunigungsfaktor. Das mag paradox klingen, entspricht jedoch leidvollen Alltagserfahrungen, auf die wir in der Regel gereizt reagieren. Beginnen wir jedoch, die Gesetzmäßigkeit der Bremswirkungen zu begreifen, die jedem Beschleunigungsprozeß eingebaut sind, sind wir in der Lage, uns gegen die Zumutungen des elektronischen Alltags mit jenem Stoizismus zu wappnen, der gelegentlich erforderlich ist, um nicht auf die Palme zu klettern.

Wer in einer Behörde anruft, um eine Auskunft zu erhalten, wird häufig beschieden, die Bearbeitung dauere bis auf weiteres etwas länger - man habe den Betrieb gerade "auf EDV umgestellt". Der technologischen Revolution geschuldete Wartezeiten im Reisebüro oder auf Flughäfen sind keine Seltenheit. Lautlos tropfen die Minuten dahin, nur das monotone Klick-Klack hektisch bearbeiteter Tasten verrät, daß auf der anderen Seite des Computers ein Mensch mit hochrotem Kopf bemüht ist, ins "Programm" hineinzukommen, bis er am Ende achselzuckend einräumen muß, das Programm sei vorläufig "blockiert" oder - schlimmer noch - "abgestürzt". Aha. Abgestürzt also - aber wohin?

Die Ablösung bewährter, aber langsamer Technologien durch neue und schnellere hat zu einem Bruch geführt. Die Beschleunigungsschübe, die in den Gang der Dinge gefahren sind, verlaufen stets hart am Rande des Stillstands, oder sie stottern und schalten sich unvermutet selbst ab. Der ICE, Deutschlands schnellste Eisenbahn, fällt oft ins Bummelzugtempo zurück und bleibt am Ende gar auf freier Strecke stehen. Ein altgedienter Mitropa-Kellner verriet mir neulich, warum das so ist: die Leistungsfähigkeit des ICE sei "mit der alten Bahntechnik nicht kompatibel".

Neue Techniken müssen an alte angekoppelt werden, das führt zu Störungen. Auf die Computertechnik angewandt heißt das: Informationen, die in Lichtgeschwindigkeit übertragen werden können, benötigen eine längere Ver- und Bearbeitungszeit, weil unsere genetische und kulturelle Sozialisation uns nicht auf Lichtgeschwindigkeiten vorbereitet hat. Zumal die Arbeitsweise unserer Verwaltungssysteme ist gar nicht auf sie eingestellt. So kommt es zu Bremseffekten. Das Internet ist noch ein ziemlich leerer Kosmos, dennoch gibt es dort heute schon Staus, die sich mit den schönsten Verklumpungen auf unseren Autobahnen vergleichen lassen.

Hinzu kommt der Beschleunigungsgrad, den die Verfallszeit der Maschinen-"Generationen" ins Spiel gebracht hat. Ein Computer vom letzten Jahr ist heute schon Schrott. Wer wochenlang vergeblich auf eine Bescheinigung oder eine Honorarüberweisung gewartet hat und entnervt nachfragt, erfährt garantiert, man sei gerade im Begriff, den Laden auf ein "ganz neues EDV-System" umzustellen. Kaum lernen wir mühsam die neue Sprache, schleudert uns die Dynamik, die ihrer Grammatik innewohnt, von einem Schock in den nächsten.

Frustrierende Erfahrungen, zweifellos. Vielleicht birgt das Ganze aber auch eine durchaus heilsame Erkenntnis. Die Verbrennungsmaschine wurde für die Verkehrsbeschleunigung erfunden, aber ein guter Autofahrer weiß gerade die Bremswirkung seines Motors besonders zu schätzen - in heiklen Situation kann sie, klug eingesetzt, ihm sogar das Leben retten. Der Computer wird kulturfähig sein, wenn wir gelernt haben werden, sein Tempo zu nutzen und mit seinen Verlangsamungseffekten, die heute noch schicksalhaft scheinen, intelligenter umzugehen.

Klaus Kreimeier

1996 

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