Glasfasern 97

Geisterhaus

 

Der Obersalzberg soll vermarktet werden; die Dienstleistungsgesellschaft benötigt ein neues Freizeitparadies mit angeschlossenem Gruselkabinett. Derweil geht das Ringen um die definitive Holocaust-Gedenkstätte (und die größte aller Zeiten dazu) in die letzte und entscheidende Runde. Soweit sich Trauer nicht ökonomisieren läßt, wird sie mit Cäsaren-Gestus ins Monumentale und Staatliche getrieben. „Ver­gan­gen­heitsbewälti­gung“ war lange ein teils moralisch zelebriertes, teils inbrünstig und gleichfalls aus Gründen der Moral geschmähtes Wort - jetzt nehmen sich Standort-Fanatiker und Bürokraten von der kom­munalen Kulturverwaltung an aufwärts bis zum Kanzleramt der Sache an, um so oder so tabula rasa zu machen.

Und jeder schlägt auf seine Weise zu: mit Marketing-Konzepten oder Architektur-Visionen, mit Rendite-Verheißungen oder regierungsamtlichem Aplomb, der sich Erlösung aus dem Klammergriff einer Vergangenheit, die nicht vergehen will, von subtil erklügelten und monströs aufgetürmten Stein-und-Stahl-Massiven erhofft. Gerade das Unsagbare zu sagen und als dröhnendes Programm ins Zentrum der Haupt­stadt zu rammen, spornt die Archi­tekten und ihre verquäl­ten Exegeten an. „Brutalität in Stein“ - so hieß ein früher Film (von Alexander Klu­­ge) über die Nazi-Architektur. Albert Speer, lebte er noch, könn­te sich heute in Ber­lin als Szenograph monumentaler Bußfertigkeit bewerben.

Unterdessen schlagen Brandenburger Neonazis mit blanken Fäusten zu und prü­geln Ausländer, Studenten und Behinderte aus ihren „national befreiten Gebieten“ in die Flucht. Während Jürgen von der Lippes Späße den gesitteten Spießern das Fernseh-Wochenende verschönern, zieht sich die rassistische Avantgarde schon mal die Sprin­gerstiefel an und macht sich auf zum Halali gegen die Schwachen. Deutschland wird immer mehr zum wirklichen und wahrhaftigen Geisterhaus, zu einem Tanzplatz der Phantome von gestern, die auf dem Weg einer atemberaubenden Transsubstantiation als leibhaftige Protagonisten sehr heutiger und sehr realer Alpträume wiederauferstehen. Eine gespenstische Zeitreise, die nur noch auf den Farbfilm, auf ihre televisuelle Serialisierung, kurzum: auf ihren Dieter Wedel wartet. 

Doch allzu widerlich gleicht Heutiges einem längst ab-, obschon nicht ausgestandenen Gestern, assimiliert sich das Reale einer obsolet geglaubten, wenn auch in den Ge­schichtsbüchern nur flüchtig abgehakten Wirklichkeit. Woher diese Einfallslosig­keit, die stur den selbst produzierten Paradigmenzwängen folgt und immer in dieselben Fallen läuft?  Marktwirtschaft - und der alte Automatismus: Entfesselung des Kapitals und Primat der Ökonomie. Kapitalistische Willkür - und der alte Automatismus: Arbeits­­­losigkeit. Fünf Millionen Arbeitslose - und der alte Automatismus: chauvinistisches Gegröl und Fremdenhaß, Marschgestampf und Stiefeltritt, konservative Revo­lu­tionäre und geifernde Bierzelt-Demagogie:  all dies vor einem Publikum, dem zu­neh­­mend vor dem schönen Wetter graust, das die Regierung und die Medien auf die Fernsehschirme malen.

Kohl ist nicht Brüning und Leo Kirch kein Alfred Hugenberg. Wie von Geisterhand bewegt, so will es scheinen, setzen sich Verfassung und demokratische Rechte erst ganz allmählich, dann  immer schneller selbst außer Kraft.   

 

Klaus Kreimeier

1998