Glasfasern 98

Fleischration

 

Wer noch nicht die Erfahrung gemacht hat, schon vor dem Frühstück per Haus­wurfsendung eine Jungbullenroulade („aus der Keule“, das Kilo für 13 Mark 99) vor­gesetzt zu bekommen, kennt die Härten des Lebens nicht. Der Tag ist noch gar nicht richtig angebrochen, das Licht fahl, das Radioprogramm wie immer mies, die Head­line der Tageszeitung furchterregend und das Gefühl im Magen naturgemäß flau - schon müssen die noch schlaftrunkenen Augen den prall prangenden Anblick von Schwei­neschulter (4 Mark 99), Putenmedaillons (11 Mark 99), Schinkenspeck (hun­dert Gramm 1 Mark 99) und Fleichwurst Extra (1 Mark 29) hinunterwürgen.

Unverzüglich melden die Augen das Ungemach über die zuständigen Hirnzellen an die Eingeweide weiter. Kein Wunder, daß der Magen rebelliert, bevor er sich ge­­danklich auf den Morgen­kaffee konzentrieren kann. Schon die Farbgestaltung dieser Hand­­zettel ist nur schwer zu er­tragen; vor acht Uhr morgens jedenfalls sind meine visu­­ellen Bedürfnisse eher auf Schwarz­weiß, Grautöne, Nebelschleier über dem blaßgrü­nen Vorgarten eingestellt. Schwei­nerippe, Zwiebelmett, Bauernbraten und Schinken­krakauer aber attackieren, auf teurem Kunstdruckpapier, die gepeinigten Au­gen in aggres­sivem Rot, als wären sie in einer der knallbunten Koch- und Bratorgien des Fernsehens elektronisch eingefärbt und danach durch einen Eimer Ket­chup gezogen worden.

Früher durfte man zu dieser Tageszeit auf frische Brötchen vor der Haustür hoffen, doch der letzte Bäcker in der Nähe, der sich diesen Service noch leistete, hat längst dichtgemacht. Damals gab es noch eine Zivilisation mit maßvoll reguliertem Wett­­bewerb und Chancen für den Einzelhandel. Inzwischen schreitet die Deregulierung voran, mit dem Einkaufs-Center haben uns ata­vistische Zeiten eingeholt, bluttrie­fen­de Hauswurfsendungen überschwemmen das Land. In nächtlichen Offensiven, die ein gnadenloser Konkurrenz­kampf diktiert, schwär­men die aus dem Heer der Sozialhil­fe-Empfänger rekrutier­ten Send­boten der um­­liegenden Supermärkte aus, um die arglos schlummernde Einwohner­schaft mit Propaganda für bayerische Topfsülze heimzusuchen.

 „Produktabbildungen können im Einzelfall von der tatsächlichen Angebotsware abweichen“, erfährt der Leser, sofern er schon am frühen Morgen imstande ist, klein­­ge­druckte Texte mit heimtückisch formulierten Botschaften aufzunehmen. Offenbar gibt es irgendwo noch ein Gesetz, das den Fälscher im Einzelfall zwingt, die Kunden über seine Fälschung aufzuklären. Daneben die Einschränkung: „Verkauf solange Vor­rat reicht.“ Ei­ne weitere Rechtsklausel: „Für Druck­­­­feh­ler keine Haf­tung.“ Eine offene Drohung: „Un­ser Angebot erscheint wöchentlich.“ Schließ­­lich die Anwerbung zur inoffi­ziel­len Mit­ar­beit: „Bitte informieren Sie Ihren So­wieso-Markt, wenn die Ver­tei­lung des Hand­zettels nicht regelmäßig erfolgen sollte.“

Auch das noch. Bleiben demnächst die offensichtlich in betrügerischer Absicht gefertigten, obendrein brechreizerregenden Hauswurfsendungen einmal aus, werde ich also meinen Supermarkt informieren und den säumigen Hungerleider, der für die Zustellung meiner wöchentlichen Fleischration in Form von Produktabbildungen verantwortlich ist, schleunigst ans Messer liefern. Warum ihn nicht gleich der Polizei überstellen?  Es gibt, soviel scheint klar, ein Grundrecht auf Desinformation, Druckfehler und gefälschte Farben inbegriffen - und schließlich hat jeder ein Recht darauf, daß sich ihm mindestens einmal pro Woche der Magen umdreht.

Klaus Kreimeier  

1998