Glasfasern 93


Mythenfabrik

 

Die mythischen Geißeln der Menschheit zeigen zwar unterschiedliche Gesichter, aber sie weisen vergleichbare Strukturen auf - Konstruktionselemente, die sie akkurat als Gebilde des Mythos kennzeichnen, als Erzählformen, mit deren Hilfe die Menschen ihre Erinnerung an den Schrecken aufbewahren und an die folgenden Generationen weitergeben. Soweit es um das Moment der Unberechenbarkeit und Unaufhaltsamkeit katastrophischen Geschehens geht, um das Ausmaß und die Geschwindigkeit seiner Ausbreitung und die Zahl seiner Opfer, folgen zum Beispiel die Berichte über die Hunnenzüge, über die spätmittelalterliche Pest und über die Heu­schreckenschwärme (in biblischen Geographien wie auch im heutigen Afrika) dem selben narrativen Schema. Von der Natur verhängtes und von Menschen verur­sach­tes Unheil erweisen sich dabei als vollkommen kongruent, weil mythisch chiffriert - rationale Erklärungsmuster zerschellen schon am Gestus des Erzählens, seiner herme­tischen Struktur.

Die Mythenproduzenten von heute sitzen in den großen Nachrichtenagenturen und stellen ihre Tüchtigkeit dadurch unter Beweis, daß sie die Verhängnisse der Ge­genwart hochrechnen und, nicht anders als die germanischen Nornen, am Webstuhl der Geschichte (und des Geschichtenerzählens) die düsteren Medienereignisse von morgen einfädeln. Get a jump on the new year - so forderte CNN um die Jahres­wende seine Kunden auf, zu deutsch etwa: Träumen wir mal schnell von den My­then, die CNN euch im nächsten Jahr erzählen wird. Top ten stories to watch in 1998 waren da auf der Website ausgeschüttet. Zwar könne man nicht jeden Skandal, jedes geklonte Schaf voraussagen; zehn Weltereignisse aber werde es auf jeden Fall geben. Unzweifelhaft sei beispielsweise, daß Saddam Hussein - sekundiert von El Ni»o, der zweiten Gottesgeißel der Gegenwart - auch im kommenden Jahr die Men­schen und ihre Träume heimsuchen werde.

Der irakische Wüterich Saddam und das pazifische Unwetter El Ni»o: wer ihre full stories bei CNN nachliest, kommt den Strukturen der Gegenwartsmythen auf die Spur. Ihre Geschichten werden jeweils in vier Etappen erzählt und auf den Großbildschirm von 1998 projiziert: Fortdauer und womöglich wachsendes Ausmaß der Krise; Expertenstimmen, die ein plausibles Szenario des Unheils entwerfen; Anzeichen für eine keineswegs auszuschließende Stabilisierung der Situation und Eindämmung der Gefahr; unkalkulierbare Faktoren, die einen neuen Ausbruch mit weltweiten Folgen bewirken könnten.

Alle Krisen lassen sich wie Krankheiten erzählen, die mit stereotypen Fieber­kurven den Leib der Menschheit befallen. So stürzte sich vor Jahrhunderten, liest man die Chroniken, schon die schwarze Pest auf Eu­­ro­pa und seine Geschichten. Angst und Lust an der Angst, die Zauberformeln der Gelehrten und das Kalkül aufs Unkalkulierbare sind im Mythos das Material, das zu jeder Hochrechnung taugt.

CNN weissagt auch, daß im Mai, auf dem Höhepunkt  des Verfahrens Paula Jones versus Clinton, der Penis des Präsidenten zum meistdiskutierten Objekt der Na­tion avancieren werde. Überall ist Hollywood. Und nur Hollywood verfügt über eine Ironie, die alle Mythen, auch die eigenen, unterminiert. Clintons Ding sei nicht gerade das wichtigste Thema, teilt CNN mit; aber der Vollständigkeit halber wolle man nicht verschweigen, daß die Medien bei dem Prozeß anwesend sein werden.

 

        Klaus Kreimeier

        1997