Glasfasern 87


Kulturreport

 

Der Wurm an der Angel müsse dem Fisch schmecken, nicht dem Angler selbst - würde dieser vielzitierte Ausspruch von RTL-Chef Helmut Thoma nur in der Verkäuferbranche zirkulieren und unter erschöpften Hausierern als Rezept fürs Überleben weitergegeben werden, könnte man darüber hinwegsehen. Erstaunlicher ist schon, daß Leute, die mit kultureller Ware handeln, vor Thomas Managerqualitäten ohne weiteres in die Kniee sinken. Freunde wie Feinde des kommerziellen Fern­sehens beeilen sich, seiner Maxime eine gewiß brutale, aber reinigende Ehrlichkeit zu bescheinigen, obwohl sie nicht mehr enthüllt als die hinlänglich bekannte Mentalität eines gerissenen Allround-Sellers, der sich auf audiovisuelle Waren verlegt hat, weil ihm der Handel mit faulen Orangen, Gebrauchtwagen oder halbverrosteten NVA-Waffen derzeit nicht opportun oder gewinnträchtig genug erscheint.

Kein amerikanischer Network-Betreiber würde mit so viel Anglerkenntnis, sprich: Menschenverachtung prahlen wie Thoma - nicht etwa, weil ihn pure Menschenliebe umtriebe, sondern weil er von seinem Metier und der Qualität seiner Arbeit überzeugt ist (und im übrigen wahrscheinlich mehr von den Fischen versteht). Selbst die seichteste Unterhaltungsware aus amerikanischen TV-Studios weist den Schliff des Handwerks auf und dokumentiert somit, daß auch trash culture mit professioneller Hingabe gemacht werden kann. In Deutschland hingegen gilt schnell jemand als „Profi“, wenn er zynische Pointen in gastronomischer Verkleidung publiziert und nach allen Seiten glaubhaft bezeugt, daß er seinen Kunden einen Fraß zumutet, den er selbst nicht hinunterschlingen mag. Hier liegt ein wesentlicher Grund dafür, warum unsere kommerziellen TV-Anbieter ohne amerikanische Ware nicht einmal im Inland wettbewerbsfähig wären, deutscher trash im Ausland jedoch nach wie vor unverkäuflich ist.

Der Mißstand wäre zu verkraften, riefe er nicht auf der Gegenseite mit entnervender Regelmäßigkeit  jene Großköche des Wesentlichen auf den Plan, deren Aufruf zum Widerstand gegen die allgemeine Fastfood-Kultur einem Appell zur Rückkehr in vormoderne Hexenküchen oder ins Offizierskasino von 1914 zum Ver­wechseln ähnlich klingt. Zwischen den Extremen, zwischen TV-Mas­sen­fraß und eli­tären Bekenntnis-Menus, zwischen Helmut Thoma und Botho Strauß geht einer re­pu­blikanischen Kultur, die in der Lage wäre, den galoppierenden Zerfall der Gesellschaft in RTL-Wurmfresser und Handke-Gourmets aufzuhalten, schnell der Atem aus.

Zum Glück schreitet seit einigen Jahren die unter offensivem Medieneinsatz be­triebene Demokratisierung der wirklichen und tatsächlichen Kochkunst voran. Nicht Klaus Bednarz’ Bußpredigten gegen die Reaktion, sondern Alfred Bioleks ma­­gi­sche Exerzitien zwischen Bouillabaisse und Crepe Suzette stiften, neben dem Fuß­­ball, Gemein­sinn in dieser Gesellschaft. Nach dem literarischen Erfolg, den das Ehepaar Kohl vor Jahresfrist mit einem Kochbuch errang, dürfte nun der Kulturpreis, den die Europäische Union der Spitzenköche an Christiane Herzog, die Gattin des Bundespräsidenten, verlieh, der drohenden Sinnleere ein Ende setzen, versteht sich doch diese Union als "Hüterin des kulinarischen Erbes“ und „Bollwerk“ gegen die grassierende Fastfood-Epidemie. So könnte die medien­wirksam lancierte und staatlich unterstützte Popularisierung der Kochkunst eine Brücke schlagen, wenn schon nicht zwischen Sozialhilfeempfängern und Besserverdienenden, so doch zwischen RTL-Wurmfraß und spätbürgerlicher Hochkultur, zwischen den Opfern von Helmut Thoma und den Adepten von Botho Strauß.

 

         Klaus Kreimeier

         1997