Glasfasern 86

Hohe Straße

Viele rechte Winkel gibt es nicht im Straßennetz der Kölner Innenstadt; nur der Schnittpunkt Hohe Straße/Schildergasse erinnert noch an den orthogonal ausgerichteten Imperialismus der Römerzeit. Der Feldherr Marcus Vipsanius Agrippa (64-12 vor Christus) hat ihn akkurat so angelegt, als habe er sagen wollen: Nun macht mal eine schöne Fußgängerzone daraus. Dann zog er weiter nach Kroatien, wo er unwegsameres Gelände vorfand und, um dieses dem Imperium Romanum einzuverleiben, die im Wege stehenden Völkerschaften vernichtete. Sein Geist lebt in der Gefräßigkeit fort, mit der heute Ecke Hohe Straße/Schildergasse die Heere der Konsumenten entschlossen aufeinander zu- und aneinander vorbeimarschieren, plastiktütengepanzert und das ungewisse Farben-Nirwana der Waren im Blick. Panik liegt in der Luft: nur noch drei­mal Weihnachten bis zum Jahr Zweitausend; wer weiß, in welche Abgründe die Welt nach der magischen Wende taumeln wird.

Der Kölner Fremdenverkehrsverein rechnet in faßlicheren Zeiträumen; lapidar teilt er mit, die Hohe Straße sei die älteste Fußgängerzone der Bundesrepublik - und mit ihren Kaufhäusern und Kettenläden, mit ihren „Nobelhäusern“ und „Angeboten für den schmaleren Geldbeutel“ ein „absolutes Muß“ für die Köln-Touristen. Diese besinnen sich, auch als Fußgänger, auf die Errungenschaft des Staus; man schiebt sich (ge­gen­­seitig) vorwärts und bleibt einfach stehen, wenn der Vordermann stehenbleibt. Ein Ge­­setz des Naturpfads, der hier schon 5000 Jahre vor den stadtplanerischen Unterneh­mungen des Marcus Vipsanius Agrippa in Nord-Süd-Richtung verlief, als Teilstrecke einer Achse, die den Alpenrand mit der Rheinmündung verband. Erst die Erfindung und massenhafte Indienstnahme des Rades in Gestalt des Automobils verwandelte beträchtliche Teile Europas in jene Fußgängerzone zurück, die es, genaugenommen, immer war - zumindest in den Jahrtausenden, die kein anderes Fortbewegungstempo kannten als das der auf Trampelpfaden ihre Nahrung und ihr Vergnügen suchenden, wenngleich im übrigen noch vorzivilisatorischen Menschenmassen.

Eine „Geschäftsmeile“ war die Hohe Straße schon immer, jedenfalls so lange, wie die Archäologen zurückrechnen können. Auch wenn man sich jetzt, stadt­­plane­ri­scherseits,  nur an das 19. Jahrhundert erinnert und die scheußlichen Bauten aus den 50er Jahren, die das schöne Köln nach den alliierten Bombardements ein zwei­tes Mal zerstört haben, mit sonderbaren Konstruktionen überwölbt, die ein „Shop­­ping unter Glasdächern“ ermöglichen sollen. „Inzwischen besitzt Köln mit rd. 50000 qm Verkaufs­fläche das größte zusammenhängende Passagensystem Deutschlands“, mel­­det der Fremdenverkehrsverein. Nun sind also auch die Passagen - ehedem Schnittstellen einer teils noch bürgerlichen, teils schon bourgeoisen Kultur - ins neokapi­talistische System gebracht. Und aus den römischen Fußgängerzonen erwachsen hektarweise Verkaufsflächen, zwischen denen das Volk seinen Weg sucht und uralten Naturpfaden folgt.

Als ästhetische Veranstaltung freilich bleibt der Neo-Kapitalismus gegenüber dem römischen Vorbild weit zurück. Die Kölner „alta via“ maß dereinst 32 Meter in der Breite, so haben Lokalforscher herausgefunden - und die Bür­­gersteige, mit sechs Metern nahezu so breit wie heute die Hohe Straße insgesamt, waren bereits überdacht. Nicht erst Napoleon III, son­­dern schon Julius Cäsar hat die Passagenkultur geschätzt und subventioniert. Die Ver­kaufsflächen bildeten sich - Wan­del durch Handel - dabei vermutlich ganz nebenbei. Ihre weitere Ausdehnung zu Ladenstädten, gläsernen Irrgärten ähnlich, engte den Bewegungsraum des Fußgängers drastisch ein und machte gleichzeitig das Saugsystem der Werbung erforderlich, um ihn auf die Verkaufsflächen zu locken. Hier wird er zum Konsumenten umgemodelt und erneut auf den Trampelpfad geschickt - zum Parkhaus, in dem sein Auto wartet.

 
Klaus Kreimeier

1997