Glasfasern 82


Black Box

 

Mit Kultur läßt sich eine Menge anfangen: man kann sich an ihr erfreuen und über sie ereifern; man kann sie fördern oder einfach vergammeln lassen; man kann mit ihr herumspielen, sie vorzeigen, sich mit ihr schmücken - und man kann sie auch einfach aus dem Etat streichen, so elegant, daß es eine Weile dauert, bis die gestrichenen Kulturträger plötzlich die Entdeckung machen, daß es sie gar nicht mehr gibt.

In der Regel lassen es die für Kultur verantwortlichen Politiker an dieser Eleganz fehlen; der berüchtigte Rotstift wird meist plump gehandhabt und so hart angesetzt, daß er in den Finanzbedarfs­plänen eine grobe, um nicht zu sagen blutige Spur hinterläßt. Da unser noch immer erstaunlich reiches Land seine (re)präsenta­ti­ons­­fähigen Kulturinstitutionen und Kunst­erzeugnisse wie eh und je aus vollen Roh­ren subventioniert, fallen die kleinen meu­chelmörderischen Aktionen gegen schwie­rigere, weil schwerer vermittelbare oder komplizierter zusammengesetzte Kul­tur­gü­ter nicht weiter auf. Die Proteste ver­­hallen schnell, weil diejenigen, die es an­geht, meist keine laute Stimme haben und obendrein noch dazu neigen, sich mit dem Übriggebliebenen, so kümmerlich es sein mag, zu be­scheiden.

Im Vergleich mit Stadttheatern, zum Beispiel, sind Filminstitute eher vertrackte Einrichtungen.  Schon darum, weil nicht zu erkennen ist, worin ihr Kapital­um­­­­satz besteht - außer, daß sie unermüdlich Geld ausgeben, ohne in der Lage zu sein, das Produkt, das sie erarbeiten, in eine Ware zu verwandeln. Man kann sie mit den öffentlichen Bibliotheken vergleichen - nur daß diese, da unser kulturelles Selbst­verständnis sich noch immer den gedruckten Buchstaben verpflichtet weiß - trotz aller Sparmaßnahmen in einem relativ geschützten Raum operieren. Filminsti­tu­­­te hingegen, die das Wissen über unsere nicht ganz geheure, dem Visuellen verfal­lene und ins Virtuelle treibende Moderne archivieren, haben es schon wesentlich schwe­­rer. Schnell können da die Kulturkürzungsspezialisten auf die Idee kommen, die Einrichtung selbst zu virtualisieren - das heißt: sie so zum Verschwinden zu brin­­­gen, daß alle Beteiligten und selbst die Betroffenen mit dem Anschein ihres Wei­­terbestehens vollauf zufrieden sind.

Solches geschah in diesen Tagen in Düsseldorf, wo unter dem Beifall sämtli­cher Parteien das von dem kürzlich verstorbenen Klaus Jaeger gegründete Filminsti­­tut auf der Strecke blieb, nachdem es dem zuständigen Dezernenten gelungen war, die Einzelteile dieser vor wenigen Jahren mit großem Aplomb ins Museums­zen­trum plazierten Einrichtung kunstvoll zu minimieren und dabei immerhin eine hal­be Million einzusparen. Das Institut ist aufgelöst - und fristet trotzdem, in „Film­­­­museum“ umbenannt, als historisches Archiv in kleineren Räumen und mit her­­abgesetztem Personal sein Dasein weiter. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen darf sich auch fernerhin mit seiner überaus spendablen Förderung -  ca. 60 000 Mark - brüsten, wäh­rend das der Filmgeschichte gewidmete Kino „Black Box“ privatisiert, d.h. für eine symbolische Mark an einen kommerziellen Kinobetreiber ver­mie­tet wer­­den soll, der dann sehen muß, wie er mit zusätzlicher verkäuflicher Film­wa­re Ge­winne machen kann. Das Düsseldorfer Filminstitut jedenfalls ist definitiv weg - aber es ist auch noch immer da, weil diverse Restbestände, einige Erinnerungen an seine kurze Ver­gangenheit nunmehr zwar schwerer auffindbar, aber sogar für das bloße Auge noch immer sichtbar sind.

So wird kommunale Kulturpolitik gelegentlich zur Black Box eines kommunalen, in diesem Fall freilich auch international beachteten Kulturbestands, der sich in seine Idee auflöst, während sein materielles Substrat auf ein Minimum reduziert und der gewinnversprechende Rest kommerziell verschachert wird.

 

Klaus Kreimeier


1997