Glasfasern 81


Deutscher Herbst

 

Jahrestage sind Glückssache; man hat den Eindruck, irgendeine anonyme Zentrale für korrekte Besinnlichkeit im Wochenrhythmus sucht sie aus und schiebt sie in die Feuilletons. An der Abfolge der „Gedenkjahre“, die geschlage­ne 365 Tage dauern, lassen sich schon etwas genauer ideologische Präferenzen ablesen. Bekanntlich leben wir seit dem 1. Januar im Schubert-Jahr; nichts gegen Schubert, aber es ist nicht ganz einzusehen, warum Heinrich Heine, der gleichfalls 1797 Geborene, nicht sein Heine-Jahr erhalten hat, sondern nur mit wohlmeinenden und vor­aussehbar bußfertig-zerknirschten Betrachtungen zum 13. Dezember, seinem Ju­beltag, rechnen darf.

Heikler verhält es sich schon mit Daten, die unserer allerjüngsten unbegriffenen Vergangenheit angehören und genaugenommen noch der unbegreifbaren Ge­genwart zuzurechnen sind. Da werden plötzlich fürsorgliche Bedenken hörbar - oder ein Schweigen hält weiter an, das schon vor zwanzig oder dreißig Jahren ins Land schrie. Sicher - die Erschießung eines Berliner Studenten im Juni 1967 als „Fanal“ einer Bewegung, die unsere Gesellschaft, wie heute niemand mehr bestreiten mag, entscheidend umgekrempelt hat, geht unbeanstandet durch; ebenso der Tod des romantisch-lyrisch-dramatisch gescheiterten Revolutionärs Che Guevara im selben Jahr - schon darum, weil die Werbeagenturen seine Ikone dringend benö­tigen.

Auch der „deutsche Herbst“ von 1977 wird in den Beilagen und Magazinen mit dem jeweilig verfügbaren Pathos unterschiedlichster politischer Couleur zele­briert - die einen feiern dabei Sedan, die anderen denken eher an Verdun. Und doch - der Blick auf wesentliche Teilaspekte jener Oktobertage vor zwan­zig Jahren ist bis heute getrübt, und die Sehstörung soll andauern, soweit wir uns nach den Bril­­lengläsern gewisser präpotenter Herrschaften in den öffentlich-rechtlichen Funk­­häusern auszurichten haben.

Im Kölner Deutschlandfunk, dessen häufig wechselnde Regenten, mit einem Ohr an der jeweiligen Stimmungslage im nahen Bonn, schon öfter gegen das eigene Programm und für die nationale Tugend des Verdrängens und Verschweigens entschieden haben, wurde in diesen Tagen die Sendung einer zeitgeschichtlichen Dokumentation unterbunden, die sich mit der staatlichen, von Teilen der Medien unterstützten Treibjagd auf die angeblichen „Sympathisanten“ der RAF in der Zeit nach der Ermordung Bubacks, Pontos und Schleyers auseinandersetzen wollte. Der Autor des Beitrags, der Sozialpsychologe Axel Oestmann, war uneinsichtig genug gewesen, in einer sorgfältig recherchierten Collage zeitgenössische Stimmen und Zitate von Heinrich Böll, Peter Brückner, Günther Wallraff, Alexander Mitscherlich, Johannes Agnoli, Erich Fried, Klaus Wagenbach u.a. den Stimmen und Zitaten von Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Franz-Josef Strauß, Horst Herold, Hans-Jochen Vogel, Friedrich-Karl Fromme u.a. gegenüberzustellen.

Verfolgte die einen, Verfolger die anderen. Regierungsamtlich geschürte Hy­sterie damals, die in Bombendrohungen gegen Böll gipfelte - hysterisches Schwei­­­gen heute, das dem entgegenschlägt, der es riskiert, an jenen schrecklichen Sumpf zu erinnern, der sich damals in „Unserland“ ausbreitete und teils aus ungezü­geltem Intellektuellenhaß, teils aus politischem Kalkül genährt wurde. Das Thema der Sendung sei „irrelevant“, beschied DLF-Pro­gramm­direktor Müchler die Re­dak­tion. Intendant Ernst Elitz, um eine Stellungnahme gebeten, vergaß schnell die Rundfunksatzung und erklärte, er mische sich ins Programm nicht ein, vertraue viel­mehr voll und ganz der Kompetenz seines Direktors.

Der Sumpf ist fruchtbar noch. Er brodelt weiter, ein Stück nicht verwundenes Gestern. Jedenfalls: kein Stoff für Gedenktage.       

 

         Klaus Kreimeier

         1997