Glasfasern 72


Hotel-TV

 

Fernsehen im Hotel; auf dem Bett liegend arbeitet man sich durch die Kanäle. Der Tag ist zu Ende, doch nicht ganz. Im Fernsehen ist niemals Ende - und im­­mer Tag. Ein Licht, das irgendwann bei einer Atombombenexplosion in den Him­­mel geschossen sein muß und sich seither, wie von riesigen Reflektoren eingefangen, als Flackern über die Welt ergießt, in tausend und abertausend Kanäle sickert und in Millionen von Haushalten zuckt.

Auf dem Nachttisch liegt das noch immer nicht ausgelesene Buch. Bücher   haben Zeit; sie haben zu warten gelernt, üben sich in Geduld und wissen von besseren Abenden. Das Zittern der Bilder berührt sie nicht. Anders die Tageszeitung von morgen, die man sich kaufte, um schneller im Bild zu sein, und die mit jeder farbigen Vibration, die aus der Maschine springt, älter wird. Nach Mitternacht gehört auch die Zeitung von morgen schon dem Gestern an, während jedes zappelnde Bild aus der Bilderma­schine „heute“ schreit.

Fernsehen im Hotel. Der Tag ist zu Ende, aber es gibt Reste, Splitter, unter­­brochene Linien, ein Patchwork aus Flüchtigkeiten und Momenten, die merkwürdig lange Schatten in die Stunden gegraben haben. Fragiles Zeug, das am Tag un­terging und doch seine Ende überlebt hat.  „Unverarbeitetes Material“ - dafür war früher der Traum zuständig, diese von Freud lizenzierte und mit Betriebsanlei­tung ausgestattete Verarbeitungsmaschine. Jetzt haben wir das Fernsehen, das uns das Träumen abnimmt und zugleich die Anleitung dafür mitliefert, wie das Leben traum­los, mittels Fernbedienung zu bewerkstelligen sei. (Die technologische Entwicklung erheischt dringend eine neue Traumforschung, aber in den Instituten wer­den nicht einmal die Mittel für die Hilfskräfte bewilligt.)

Fernsehen ist der Krieg, den einige Ingenieure gegen den tragischen Umstand entfesselt haben, daß die Menschen schlafen müssen, um sich von neuem in der Welt zurechtzufinden. Die Ingenieure behaupten: Sie müssen nicht schlafen, Sie sollten fernsehen, um fit zu sein. Die Ingenieure haben, unter drastischer Verrin­gerung der Personalkosten, die Tragik abgeschafft. Auf den Schirmen tobt die „Love Parade“, eine Konserve vom Nachmittag. Danach ein Krimi; im Sender wech­­seln Automaten die Bänder.

Fernsehen im Hotel; schon beim Gang durch den langen Korridor: Baseball, Bo­xen, ein Banküberfall. Wenn man sein Zimmer betritt, ist die Verfolgungsjagd von nebenan zu vernehmen, schallgedämpft, kreischende Autoreifen in Zimmerlautstärke, grundiert von den Bässen ei­­nes Popkonzerts. Die Hotels sind nicht lauter gewor­den, aber sie sind elektrostatisch aufgeladen und durchflutet vom Sing­sang elek­tronischer Botschaften. Ehemals ein Labyrinth vielfältigster, entnervend ver­trau­ter und abenteuerlich frem­der Geräusche, wurde das Hotel ein Reso­nanz­raum des Rauschens, das unisono den Apparaten entquillt. Man muß nicht selbst das Gerät einschal­ten; es ist möglich, sich aufs Bett zu legen, ins Rauschen hin­ein­zuhören, sich die Licht­explosion einer Atombombe vorzustellen, mit geschlos­senen Au­gen fernzusehen.

 

Klaus Kreimeier


1997