Glasfasern 71


Nekrophilie

 

Während kubanische Experten, es war in der ersten Juliwoche, im sandigen Boden des ehemaligen Flugplatzes von Vallegrande im Süden Boliviens nach den Gebeinen des Revolutionärs Che Guevara gruben, entschärften Fachleute der russischen Sicherheitsbehörden in Moskau sechs Sprengsätze, die ein linksradikales Kom­­mandounternehmen an einem Denkmal Peters des Großen angebracht hatte.

Die kubanischen Experten numerierten ihre Funde und identifizierten schließ­lich ein „Skelett Nr. 2“ als die sterblichen Überreste des Guerilleros, während die rus­­sischen Beamten, vermutlich mit kaum geringerer Sorgfalt, ein „Bekenner­schrei­ben“ ent­zifferten, dem die Verlautbarung zu entnehmen war, mit der Sprengung des Zarenmonuments solle gegen die geplante Umbettung des Revolutionärs und sowjetischen Staatsgründers Wladimir Iljitsch Lenin protestiert werden.

Lenin, seit über siebzig Jahren im Mausoleum auf dem Roten Platz aufgebahrt, sieht seiner Verlegung auf einen normalen Friedhof entgegen. Die physi­schen Reste Ches werden voraussichtlich nach Kuba überführt werden, in seine po­li­tische Heimat, die den Traum, dem er hasta la muerte folgte, inzwischen bis zur Agonie heruntergewirtschaftet hat.

Lenins Mumie gegen Peters Denkmal, Ches Skelett gegen die Vergeßlichkeit der Welt.  Als gäbe es sie wirklich: die Post-Histoire; dieses sonderbare Stück, das erst gegeben wird, wenn sich der letzte Vorhang gesenkt hat. Eine Gespensterschlacht, die das, was einmal Geschichte war, auf dem Friedhof nachspielt: als Orgie der Nekrophi­lie. Castros Spione, als Experten getarnt, und Versprengte des Jel­zin-Reichs, die sich als Wiedergänger der antizaristischen Bombenleger kostümieren - die einen wie die anderen auf Leichname verses­­sen, deren Au­ra unbesiegbar scheint. Aber was ist das: die Au­ra? Der uneingelöste Blanko­scheck der Weltgeschichte, den einstmals Hazar­deu­re - Sieg oder Tod! - unterschrieben haben. 

Händler in einem Totenreich - und ein Handel, in dem einbalsamierte Körper, Skelette und Monumente zu Leitwährungen geworden sind. Das letzte Gefecht, das niemals stattgefunden hat, als Reprise und Farce nach dem Untergang der Utopien. Die Linke sondiert ihre Heiligtümer, kämpft um Sarkophage, buddelt nach Gebein. Verwesungsgeruch mischt sich in den Weihrauch - und umgekehrt. Eine Geisterstunde, die der sarkastischen Logik nicht entbehrt: Wenn Lenin umgebettet wird, kehrt der Zar zurück, können nur Bomben die Antwort sein.

Lenin erhielt ein Mausoleum; der tote Che wurde in einem Waschhaus aufgebahrt. Einige Fotos, unmittelbar nach seiner Erschießung aufgenommen, stilisieren ihn zu einem Heiligen, zu einer Kopie des gemarterten Christus nach der Kreuz­abnahme. Ein Ermorderter mit offenen Augen: weil man sie ihm nicht schließen konnte, sei er unsterblich, will noch heute die Sage unter den Campesinos im südlichen Bolivien wissen.

Aus dem Waschhaus soll ein Museum werden; man hofft auf Touristen, auf Dollars und auf bescheidenen Fortschritt in einer Region, die der Mann, dem die bleichen Knochen zugeschrieben werden, einmal von ihren Ausbeutern befreien wollte. Ohne Reliquien keine Hoffnung und kein Glaube, aber auch kein Wirtschaftsboom: das ist die Quintessenz der gescheiterten Revolution in Bolivien und der sterbenden im maroden Kuba. Und weil es so ist, wird auch Lenin vorerst wohl in seinem Mausoleum bleiben.

 

Klaus Kreimeier 


1997