Glasfasern 68


Über Moneten

 

Die neueste Computerpanne der Telekom hat an den Tag gebracht, daß ein Barzahler mittlerweile als verdächtiges Subjekt angesehen und sein unerschütterlicher Glaube, daß nichts authentischer sei als eben die bare Münze, als Aberglauben belächelt und mit Gebühren bestraft wird. Wären nicht etliche Fernsprechteilnehmer vor kurzem ganz "ungerechtfertigt", als bargeldlose Einzahler nämlich, mit Mahnungen überzogen worden, so hätte sich auch der neue Einfall der Telekom, die letzten Verfechter des nicht-virtuellen Zahlungsverkehrs mit einem Soll von sechs bis sieben Mark zu belasten, an der öffentlichen Aufmerksamkeit vor­bei­schleichen und ganz ungestört in der Software des Konzerns einnisten können. Immerhin gibt es unter den Telefonkunden dieses Landes noch über eine Million hartnäckige Anhänger der Irrlehre, daß Geld an und für sich Materie sei, ein Ding, das man anfassen können muß, um an seine Existenz zu glauben, sich an seinem Be­sitz zu erfreuen oder (dies ist der Normalfall) sein permanentes Verschwinden zu betrauern.

Man sollte annehmen, daß in einer Zeit, in der sich den Ruf der Weltfremdheit zuzieht, wer in seiner Brieftasche nicht eine Batterie von mindestens zehn bis zwölf Kreditkarten herumschleppt, die Vorstellung des (öffentlichen oder privaten) Geldmangels ihre furchteinflößenden Aspekte verloren hat, da im Alltag ohnehin kei­nes mehr zu sehen ist und höchstens im Tante Emma-Laden gelegentlich noch Münzen über den Ladentisch wandern. Doch offenbar ist das Gegenteil der Fall. Die Sehnsucht, dessen ansichtig zu werden, was da verloren geht, ist geblieben.

 Immer dann, wenn von Lohnsenkungen oder Rentenkürzungen die Rede ist, rechnen uns die Videografiker des Fernsehens mit ihren computergenerierten Bildchen den Verlust in Heller und Pfennig vor, lassen sie Papierscheine flattern und häufen die Markstücke zu putzigen Türmen, damit wir zumindest Form und Far­be des Geldes nicht vergessen. Und als unser Finanzminister, eher zu seinem Scha­den, auf die Idee kam, die Haushaltskrise mit der Neubewertung der staatlichen Goldreserven beheben zu wollen, drängte es die Bildermacher, uns ein ums andere Mal zu zeigen, daß dieser eher der Märchenwelt angehörende Stoff, mythischer Inbegriff des Geldes und Metapher für nie versiegenden Reichtum, tatsächlich existiert und in Form funkelnder Brikettstücke, auch Goldbarren genannt, in schwer bewachten Bunkern lagert - offensichtlich nur, um von Zeit zu Zeit neu be­wertet und zu diesem Zweck ins magische Licht der Scheinwerfer gehüllt zu werden. Als sei Waigel zur Abwendung der Finanzkrise noch rechtzeitig der Nibelungenschatz am Grunde des Rheins eingefallen.

Wir wollen zumindest sehen, was wir nicht haben können. Aber das Geld - die Telekom AG hat dies ihre Kunden deutlich spüren lassen - ist nun einmal keine Sache, sondern eine Idee, die als solche die Ver-sachlichung aller menschlichen Be­ziehungen betreibt. Es ist kein Ding, sondern ein Mittel der Tauschabstraktion und somit das Medium der Ver-dinglichung alles Lebendigen. Erst jetzt, da sich seine Kör­per­form - als Münze oder Papiergeld - verflüchtigt, machen wir die Entdeckung, daß seine Herrschaft in Gestalt des Monetarismus vollständig von der Welt Besitz ergriffen hat.

Nur Buster Keaton, in seinem wunderbaren Film Sherlock Junior, hat diese ganze Geschichte nicht wahrhaben wollen. Da findet er im Müll einen Dollarschein; das Mäd­­chen, das ihn verloren hat, fordert er auf, ihn zu beschreiben. Das Mädchen zeichnet ein kleines Rechteck in die Luft. Stimmt: ein Dollarschein ist viereckig - Bu­ster gibt den Schein dem glücklichen Mädchen zurück.  Ein Philosoph, der das Geld in ein Ding (zurück-)verwandelt - und sich so der Verdinglichung in einem entscheiden­den Punkt verweigert.

 

Klaus Kreimeier


1997