Glasfasern 64


Müllhalde

 

Daß die Großstädte entwickelter und weniger entwickelter Länder aller fünf Erdteile mit gebrauchten Automobilen aus deutschen Blechschmieden verstopft sind, stimmt schon nachdenklich genug. Sicherheit made in Germany mag noch immer ein Verkaufsschlager sein, aber fatalerweise ist sie einfach nur noch einen Bruchteil wert, wenn sie - ob legal oder illegal, in der Regel wohl halb­legal - in Ge­stalt mehr oder weniger schrottreifer, freilich auf trügerischen Hochglanz lackier­ter Karossen in die Verkehrshöllen von Lagos, Sao Paolo oder Bombay katapul­tiert wird. Mag dies noch der Globalisierung friedlicher Mord-und-Selbst­mord-Techniken dienlich sein, so läßt sich dies nicht mehr von den gebrauch­ten Waffen sa­gen, die Deutschland, als deren zweitgrößter Exporteur auf der Welt, in sämtliche Himmelsrichtungen auf geraden und krummen Wegen an kriegslüsterne Hegemo­nialstrategen, sinistre Pluto-, Techno- und Theokraten oder tobsüchtige Unterdrücker ihres eigenen Volkes verschickt. Nur die USA, so sagen die neuesten Stati­­stiken, haben auch auf diesem Gebiet jene Nase vorn, mit der ihre Zwischenhänd­ler auf allen manifesten und potentiellen Kriegsschauplätzen nach Marktlücken wittern.

Von 1990 bis 1995 haben die Deutschen fast 4.000 überzählige Panzer-Fahr­­zeuge, über 1.000 Artilleriegeschütze und Raketen, rund 250 Flugzeu­­ge, dazu Kriegsschiffe nebst kompatiblem Zubehör und sonstiges für „kon­ven­tio­nelle“ Völkerschlachten unerläßliches Geschirr an andere Länder verkauft. Das ist eine Statistik, die sich mit Blick auf die Tatsache, daß unser Land in diesem Jahr­hundert zwei Weltkriege auf dem Gewissen hat und zweimal mit Remilitarisierungsver­bot, Waffenproduktionsverbot, Waffenimport-und-exportverbot bestraft wur­de, durch­­aus sehen lassen kann. Die Strafen waren nicht nachhaltig genug; auch war kei­­­ne Macht auf der Welt interessiert daran, Zuwiderhandlungen ernstlich zu ahnden - im Ge­­­gen­teil: Sicherheit made in Germany war und ist bis heute per de­finitio­nem ein Jahrhundert-Schlager jenseits der Politik, ein Hit jenseits aller Hit­le­rei.

Wie wird es weitergehen, wenn der Punkt erreicht ist, an dem weltweit mehr Waffen in Umlauf sind, als Kriege mit ihnen geführt, imperialistische Überfälle entfesselt, genozidale Kreuz- und Raubzüge angezettelt werden können? Einen Aus­weg bieten die japanischen Konzerne an, die mit der kommerziellen Nutzung des Mondes den Griff ins Weltall wagen und, nach erfolgreicher Globalisierung unserer Probleme, nunmehr deren Lunarisierung anstreben. Neuesten Berichten zufol­ge wird es auf dem Mond in absehbarer Zeit nicht nur Hotels, Restaurants, Konferenzräume und Karaoke-Bars, sondern auch Kernkraftwerke und Anlagen zur Müll­entsorgung geben; auch auf dem Erdtrabanten wird Beton ein idealer Baustoff sein, Architekten werden über „neuartige Architektur-Designs“ nachdenken, für Tou­risten soll es Touristenparadiese geben, und in einer sorgsam gehegten Biospähre werden Spinat und Radieschen zu ernten sein.

Hotels, Atomenergie, Müll, Touristen, „Design“, Beton, Spinat: warum nicht auch Gebrauchtwagen und gebrauchte, aber noch funktionstüchtige Waffen? Sind erst einmal die Gravitationsprobleme und die Schwierigkeiten mit dem mangelnden Wasserstoff gelöst, bietet sich die Mondoberfläche als nachgerade phantastische, aber schon greifbare Projektionsfläche unserer Einfallslosigkeit und Spiegel­bild einer schon auf Erden erprobten Wiederkehr des Immergleichen an. Und nicht nur im Aufschwung der Raumfahrtindustrie, sondern auch in der menschheitsgeschichtlichen Müllhalde, die sich auf dem Mond ausbreiten wird, düfte die na­tionale und internationale Waffen-Mafia eine neue und vorerst höchst ergiebige Profitquelle entdecken.      

 

Klaus Kreimeier


1997