Glasfasern 61


Nature morte

 

Wer sich die Zeit nimmt, durch südafrikanische Museen zu wandern, findet die Bruchlinien der Gegenwart weniger in der Geschichte dieses Landes als im Arrangement oder in der Kommentierung der Exponate wieder. Eine Strategie, mit der man einerseits eine neue Aneignung, auch Umschreibung der Geschichte signalisiert, andererseits einer radikal „anderen“ Sicht auf die Vergangenheit aus der Per­spektive der afrikanischen Bevölkerungsmehrheit noch ausweicht. Ganz abgesehen davon, daß der schmale Kulturetat dem neuen südafrikanischen Staat es gar nicht erlaubt, die Darstellung der Geschichte im großen Maßstab umzuinszenieren. Kolonialismus und Apartheid sind in den Museen dieses Landes lebendige Gespenster - aber es ist möglich, sie mit schräg einfallender Beleuchtung und klug gesetzten Fußnoten ihrer Magie zu entkleiden.

Im kleinen South African Museum in Kapstadt, gleich neben dem wuchtigen klassizistischen Bau der Holländischen Reformierten Kirche, findet man noch die sorgfältig (für Kinder- und „Eingeborenen“-Augen) ausgestalteten Dioramen, mit denen einst europäische Kuratoren das Leben der Ureinwohner, der von den Weißen so ge­nannten „Buschmänner“ vom Volk der Khoi­­­­khoi, nach lebenden Kör­pern model­liert und in eindrucksvollen Stilleben eingefroren haben. Hinter Glaswänden: die nature morte einer Kultur, die den Süden des Kontinents einmal belebt hat, bevor sie von kriegerischeren Völkern und schließlich im kolonialen Zugriff der europäischen Eroberer aufgerieben wurde. Zwischen die dreidimensionalen Insze­nierungen einer spurlos verschwundenen Vergangenheit hat eine politisch bewußte Regie die Signaturen der Gegenwart gesetzt: Fotografien vom Alltag der Schwarzen im heutigen Soweto.

Eine Schrifttafel problematisiert den latenten „Rassismus“ der Dioramen, das museale Arrangement stellt sich selbst in Frage: Die Weißen - so ist hier zu lesen - präsentieren das Leben der Menschen, die einmal rechtmäßige Eigentümer die­­ses Landes waren, wie eine Kollektion aufgespießter Schmetterlinge den Blicken der (noch immer überwiegend weißen) Touristen. Warum spießen sich die Kura­toren nicht selbst auf und zeigen ihre eigene Kultur als stilvolles, vom Tode gezeich­netes Tableau?

Eine Antwort findet man ein paar Schritte weiter in der halb abgedunkelten Krypta der neugotischen St. Georgs-Kathedrale: Ihr Inneres ist ein dahindämmerndes Memorial längst verblichener britischer Kolonialherrschaft, eine Serie von Gedenkta­feln auf angelsächsische Seetüchtigkeit. Schon die Namen, erst recht die ihnen zugeschrie­benen Heldentaten sind im Halblicht nur mit Mühe zu entziffern. Lauter Kapi­täne, Residenten, Gouverneu­­re des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, über­ragt von ih­rem Superstar: Lord Mountbatton von Burma, Kriegsheld, Politiker, Staatsmann von einsamer Größe. Großbritannien auf dem Zenit seiner imperia­len Macht. Doch im Land Nelson Mandelas ist diese Kathedrale eine Totengruft; wer wieder ins Sonnenlicht und in die farben- und kontrastreiche Schärfe des südafrikanischen Alltags tritt, läßt Leichenmoder hinter sich.

 

Klaus Kreimeier


1997