Glasfasern 60


Zeichensprache

 
            Es kommt darauf an, die Zeichen der Zeit zu verstehen - die Medienwirksamkeit stellt sich dann schon von selbst ein: So oder ähnlich kalkuliert heute ein Politiker, der im Verschleißprozeß des politischen Geschäfts weniger auf die Vermittlung von Konzepten und Ideen als auf deren Übersetzung in bildkräftige Signaturen bedacht sein muß. Richtig daran ist, daß die Medien, zumal die audiovisuellen, dazu da sind, die Zeichensprache der Epoche in allgemeinverständliche Symbole, in die Bilderschrift unserer Alltagskommunikation zu übertragen. Kurzschlüssig am Verhalten der meisten Politiker ist hingegen, daß sie bereits ihre Anwesenheit in der Politik als bedeutsames Zeichen der Zeit und ihre überschäumende Präsenz auf den Bildschirmen als epochale Sinnfigur mißverstehen. Beim Publikum stellt sich in der Regel Überdruß, nicht selten ein vom Magen aufsteigendes Unwohlsein ein, das sich im dramatischen Fall in Massenaufmärschen und sogar in der Verletzung der Bannmeile entladen kann.

Es ist verständlich, daß manche Politiker angesichts dieser komplizierten Sachlage zu Semiotikern werden, obwohl es ihrer Ausstrahlung eher abträglich ist, wenn sie auch unablässig wie Semiotiker reden. Das gilt zum Beispiel für Außenminister Klaus Kin­kel, dessen Interviews den Eindruck erwecken, unsere Außenpolitik sei von einem zum Schamanen mutierten Zeichentheoretiker übernommen worden. Denn auffallend ist schon, daß diesem Politiker, sobald er zu reden anhebt, alles zu Zeichen gerinnt, die er freilich stets von anderen erwartet: von den Iranern, den Bosniern, den Palästinensern, im zweifelsfall auch von den deutschen Gerichten. Sie alle werden ermuntert, Zeichen auszu­senden, die dem Minister selbst erläutern könnten, wie seine Politik des kritischen Dia­logs oder der schweigenden Diplomatie zu verstehen sei. Senden sie keine Zeichen aus, wird ihnen bedeutet, dieses zu tun; fallen sie schwach aus, fordert Kinkel sie auf, deut­li­che­re zu setzen. Es liegt auf der Hand, daß bei solcher Außenpolitik nicht nur die­se selbst, sondern auch die Semiotik auf den Hund kommt.  

Umgekehrt verwandeln sich gelegentlich, den schwer dechiffrierbaren Zeitläuften durchaus angemessen, Zeichentheoretiker in Politiker - oder sie versuchen sich zumindest im politischen Handwerk wie jener Semiologe namens Iwan Mladenow in Sofia, der sich kürzlich entschieden für die Rückkehr des vor Jahrzehnten abgehalfterten Zaren Simeon II. auf den bulgarischen Thron aussprochen hat. Ist schon der Kommunismus über Bord, sollte es gleich zur Monarchie zurückgehen, zumal die Demokratie ohnehin schwer zu handhaben und ihre Zeichenvielfalt in einem Proseminar kaum zu vermitteln ist: Dies mag sich der Wissenschaftler gedacht haben, und zumindest muß man ihm attestieren, daß er, bezogen auf die Turbulenzen im balkanischen Raum, die Zeichen der Zeit nicht völlig verkannt hat.

Noch größere Treffsicherheit ist freilich jenem bewaffneten Kommando zu bescheinigen, das jüngst in voller Kampfmontur den Glockenturm von San Marco in Venedig erklomm und besetzt hielt, bis die Polizei nach sechs Stunden der Aktion ein unblutiges Ende bereitete: „Separatisten“, so hieß es, die für die Unabhängigkeit der Lagunenstadt stritten. Sofort meldete sich die RAI und gab kund, dies seien eben jene Täter, die schon mehrfach die Nachrichtensendungen der zentralen Fernsehanstalt gestört hätten. Klar: handelt es sich doch in mehrfacher, semiotischer wie politischer Hinsicht um Bilder-Besetzer. Nebenbei und eher unfreiwillig haben sie ein Zeichen dafür gesetzt, daß ökonomischer, ökologischer, kultureller oder wie auch immer motivierter Regionalismus im Zeichen stürmischer Globalisierung nichts anderes ist als: Kirchturmspolitik.  

 
Klaus Kreimeier

1997