Glasfasern 59


Learys Asche

 

Seit Mitte April kreist Timothy Learys Asche im Weltall. Die Trägerrakete „Pegasus XL“ brachte sie, zusammen mit den Urnen von 23 weiteren dahingegangenen Zeitgenossen, von den Kanarischen Inseln aus in eine Umlaufbahn etwa 11 000 Meter über der Erde, wo sie nun wohl nach einem Schlupfloch ins ewige Leben sucht. Eine praktische, wenn auch zur Zeit noch kostspielige Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Körpers, die seit längerem den noch am Erdboden haf­tenden Rest der Menschheit bewegt.

Die Bestattungsunternehmen, die hier eine Marktlücke für Zahlungskräftige wittern, werden nicht auf sich warten lassen; vernünftigerweise werden sie eine Fu­sion nicht nur mit der NASA, sondern auch mit den Marktführern der Touristik-Branche anstreben, um für die Ausstat­tung der letzten Reise ein angemessenes Design und eine gemeinsame Marketing-Strategie zu entwickeln. Erst auf längere Sicht dürften Stadtplaner und kommunale Friedhofsverwaltungen auf das Projekt aufmerksam werden - bis sie einfach unter dem Druck der Grundstücksspekulation begreifen werden, daß die Erdbestattung ein unverantwortlicher Luxus geworden ist.

Timothy Learys eleganter Abgang ins All ist übrigens eine überzeugende Antwort auf zahlreiche bange Vermutungen, daß der menschliche Körper im Be­griff sei, sich nicht im realen, sondern in einem virtuellen Raum aufzulösen. Beziehungs­wei­se - er wirft die Frage auf, was uns veranlaßt, den unvorstellbaren Kos­mos für real zu halten, die real errechneten Räume auf den Bildschirmen unserer Com­puter hingegen zum „Cyberspace“, zum Non-plus-ultra des Virtuellen zu dämo­nisieren. Daß im „virtuellen Raum“ der kompakte Menschenleib seinen Sinn und seine Schwerkraft verliere, ist die inzwischen unvermeidliche Schlußfolgerung, die von Aufbruchs- wie Untergangsfuturologen gleichermaßen gezogen wird.

Ein Hamburger Kosmetik-Unternehmen, das kürzlich einen Filmpreis unter dem Motto „Die Zukunft des Körpes“ verliehen hat, behauptet, in unserer vir­tu­el­len Welt scheine der Körper „nur noch lästiges und unkontrollierbares Anhängsel zu sein.“  Klar, daß da ein Körperpflege-Institut Alarm schlagen muß. Aber seine Kul­turabteilung ist wohl nur einer computerfeindlichen Propaganda auf den Leim gegangen. Tatsache ist, daß ältere Medien und ihre Rezeptionsweisen - das Buch zum Beispiel oder die Situation im Kino - uns in viel stärkerem Maße unsere physische Präsenz „vergessen“ lassen als ausgerechnet der PC.  Buch- und leserfeindlich wa­­ren schon alle Bewegungen, die auf Leibesertüchtigung setzten, und gegen den angeblichen Wirklichkeitsverlust, der ausdauernder Romanlektüre zuzuschreiben sei, wetterten noch in diesem Jahrhundert stramme realitäts- und körperbewußte Er­zieher.

Mit allen technischen Prothesen, die in der Geschichte der Menschheit er­fun­den und stetig verfeinert wurden, ging insgeheim die Hoffnung einher, daß mit  dem Körper auch  die Sterblichkeit des Menschen zu überwinden, mit seinem Verlust das ewige Leben zu gewinnen sei. Heute weisen die Gentechnik, die „gewe­be­kom­pa­tiblen“ Elektroden als Körperersatzteile und die Möglichkeit des Klonens in diese Richtung - nicht anders als das Phantasma vom „virtuellen“ Körper, der nicht mehr mit seinen Organen, sondern mit Sensoren agiert. Dagegen nun hat Timothy Lea­ry noch mit seiner Asche an den Himmel geschrieben, daß unser Leib zwar verbrannt, pulverisiert und ins Weltall geschossen, aber nicht einfach weg-rationa­li­siert werden kann.  

 

Klaus Kreimeier


1997