Glasfasern 54

Netz-Panik


Als die neununddreißig Mitglieder der „Heaven’s Gate“-Sekte in San Diego per Video und via Internet von der Welt Abschied genommen hatten, um sich am Schweif des vorbeigaloppierenden Kometen Hale-Bopp in eine bessere Welt katapultieren zu lassen, war für einige baudrillardgeschulte europäische Schnelldenker sofort erwiesen, daß der digital erzeugte Wirklichkeitsverlust sei­ne ersten Opfer gefordert hatte und der PC zur Abschußrampe bildersüchtiger und weltvergessener Silicon-Kids geworden war: Der Cyberspace als mittelalter­liche Totengruft, in die sich moderne Flagellanten stürzen. In Amerika ging man die Sache neugieriger und nüchterner an; man beschaffte sich Informationen und ent­fesselte eine keineswegs leidenschaftlose, doch an den Fakten orientier­te Debatte - und zu diesem Zweck schaltete man sich erst einmal ins Internet.

Man belagerte die Server, und in den Diskussionsforen von Yahoo! und CNN schlugen die Wellen hoch. Webmaster und Programmierer waren gefragt, um irgendwelche Links zu den Web-sites der Weltflüchtigen ausfindig zu machen - die waren nämlich hoffnungslos ausgebucht, nachdem in der TV-News-Show „Today“ die Adresse veröffentlicht worden war. Bald war von Netz-Panik die Rede, und gewiß fragten sich viele Surfer beklommen, was von einer Technik zu halten sei, die erst der Pornographie, dann dem Terrorismus und nun auch dem religiös inspirierten Massenselbstmord eine virtuelle Heimat und wo­möglich sehr realen Zulauf verschaffen könnte. Kirchenvertreter, Jugendschüt­zer, Psychologen und Sozialarbeiter erblickten jäh die Nachtseiten der Netz-Welt;  Tech­no­kult-Spezialist Erik Davis sinnierte über die „unendliche und ätheri­sche Natur“ des Web und warnte vor den „Techno-Barbaren“, die der Maschine eine göttliche Macht andichten - Macht über die Realität und das eigene Leben.


Doch die Antwort der Netz-Aktivisten blieb nicht aus - sie fanden die gan­ze Aufregung ein bißchen übertrieben. Wissenschaftler, die das Internet als täg­li­ches Arbeitsinstrument nutzen, schalten die Debatte hysterisch und die Argumente der Netzgegner seicht. Im übrigen: Als Architekten digitaler Welten sei­en die „Heaven’s Gate“-Jünger, was das Lay-out und das pure Handwerk ihrer Home­pages betreffe, eher Mittelmaß gewesen. Und ihre Sehnsucht, sich zu de­ma­terialisieren, den Leib wie einen zerbeulten Container zu verlassen und sich in höhere Sphären zu verflüchtigen, sei uralt.


Die Technik freilich ist noch jung, und vermutlich sind die Fragen, die sie aufwirft, noch lange nicht ausgestanden. Ihr geht der Ruf voraus, sie habe einen kulturellen Bruch herbeigeführt - dies erklärt, daß nun die Auguren darauf war­ten, daß entweder heute oder morgen dieser Bruch manifest wird, daß gleichsam auf offener Bühne und für alle sichtbar die Welt zerreißt und die Dinge auseinanderfallen. Und in den Augen mancher Vordenker wird alles, was ge­schieht, zum Zeichen dafür, daß der clash schon eingetreten und die Zukunft bereits Vergangenheit geworden sei. Doch was wir als Bruch bezeichnen und mit unseren Hoffnungen oder Befürchtungen besetzen, unterminiert stetig, mal schneller, mal langsamer, meistens aber unmerklich die alten Gebäude.


Die digitale Maschinerie ist die erste wirklich ubiquitäre Technik mit inter­ak­tiven Fähigkeiten. Die Dynamik, mit der sie sich entwickelt, ist schwindelerre­gend. Gleichzeitig rast die Entwicklung auf die Jahrtausendwende zu - ein Datum, das wir in guter oder schlechter, jedenfalls mittelalterlicher Tradition von Tag zu Tag dringlicher raunend beschwören und mit krausen Erwartungen behän­gen. Der Count-down, der keiner ist, ist trotzdem nicht aufzuhalten. So kom­men Elektronik und chiliastische Stimmungen zusammen und bilden ein brisantes Gemisch, das die einen zum physischen, die anderen zum intellektuellen Sal­to mortale animiert.


Klaus Kreimeier

1997