Glasfasern 53 

Geisterheere


„Wir wollen Arbeit!“ skandierten die Bergleute in der Bannmeile vor dem Bundeskanzleramt, die Bauarbeiter in der Bauwüste am Potsdamer Platz und die Stahlkocher vor den Glastürmen der Deutschen Bank. Das „Ende der Ar­­­­­­beits­gesellschaft“ sagen düster blickende Analytiker voraus; auf den Ruf nach „sozialökologischem Umbau“ antwortet das Donnerwort „Globali­sie­rung“. Und wie ein Echo, das sich von allen grummelnden Originalgeräuschen befreit und im blauen Himmel über dem grauen Alltag selbständig gemacht hat, schwingt sich aus den Gehegen der mikroelektronischen Konzerne die Proklama­­tion der „Spaßgesellschaft“ in den Raum, als habe die Menschheit ganz ohne mü­hevolle Umwege und unter Vertagung der proletarischen Revolution den Sprung in Marxens „Reich der Freiheit“ getan: ein Hüpfer aus dem Geist der Mi­­­­kro­chips ins klassenlose Paradies.

Die Slogans liegen wieder einmal auf der Straße und warten nur darauf, daß sie aufgehoben werden; andere flitzen um die Hausecken, fallen aus den Fenstern und hacken aufeinander ein, schwirren mit zerfetztem Gefieder durch die Luft und krächzen vom Kirchturm ihre grelle Botschaft. Slogans haben die politi­schen Kommuniqués, die Leitartikel und Fernseh-Interviews, kurzum: den „gesellschaftlichen Diskurs“ besetzt. Dort, woher sie kommen, nämlich auf dem Markt, haben sie ihre Herrschaft längst an Bilder und „Lo­gos“ abgetreten. Wo  die Beschleunigung des Umsatzes zählt, funktioniert die Welt bereits post-alphabetisch. Die besten Werbespots im Kino sind inzwischen non-verbal; die Schlacht der Worte hat die Reklame wohlweislich an ih­ren Groß­kun­den, an die Gesellschaft und ihre „Wortführer“ delegiert.

Der Begriff „Slogan“ stammt aus dem Englischen und hat erst in diesem Jahr­hundert, mit den Werbefeldzügen der Großkonzerne, die semantischen Um­­­­­­schlagsplätze erobert. „Slogan“ - ein Kaugummiwort, das mit keiner Silbe ver­­­­rät, daß es aus dem gälischen „sluagh-ghairm“ stammt. Das heißt soviel wie „Kriegsgeschrei“, aber Elias Canetti hat in „Masse und Macht“ eine abgründigere etymologische Wurzel aufgedeckt. Danach bedeutet „sluagh“ genaugenommen „Vielzahl der Geister“, und gemeint waren in der keltischen Mythologie die Gei­ster­heere der Toten, aller Gestorbenen seit Anbeginn der Welt, die „in großen Wol­­ken wie die Stare über das Antlitz der Erde“ fliegen und ihre alten Schlachten immer wieder von neuem führen müssen. „Die Bezeichnung für die Kampf­ru­­­­­fe unserer modernen Massen stammt von den Totenheeren des (schot­ti­schen) Hochlands.“


In den Slogans nach dem Zusammenbruch der traditionellen Systeme und dem Schwinden der Utopien ist diese alte Sterbebotschaft plötzlich wieder vi­­­rulent. Hoch in den Lüften über den demonstrierenden Arbeiterheeren von Thyssen-Stahl hallt es wie Geschrei aus einer anderen Epoche und verhöhnt die Heutigen als Nachzügler einer längst verlorenen Schlacht. Die Globali­­­­­sie­rung liegt hinter uns, und es sieht so aus, als breche der Ka­pitalismus nicht zu neuen Ufern, sondern zu einer Parforcetour zurück in sei­ne Anfänge auf. In den Slogans vermischt sich die Nach-Moderne mit dem frü­hen 19. Jahrhundert. Doch es war kein Wort, sondern ein Bild, das die Situation zur Allegorie werden ließ. Ein Foto zeigte den Krupp-Chef Cromme, schutz­suchend hinter dem Pan­zerglas-Portal seiner Hauptverwaltung, die Augen fassungslos aufgerissen: als erblicke er - nicht die meu­ternde Masse, sondern ein Gespenst.

 
Klaus Kreimeier

1997