Glasfasern 49


Snack Time

 

Es war einmal eine batteriebetriebene Puppe, die hieß „Cabbage Patch Snack Time Kid“ und bescherte im vergangenen Jahr etlichen amerikanischen Fami­lien ein grausiges Weihnachtsfest. Eigentlich sollte das entzückende Geschöpf   Pom­­mes frites aus Plastik essen. Statt dessen fraß es den Kindern, die mit ihm spiel­­­ten, die Haare vom Kopf. Die Eltern stan­den vor der Wahl, entweder ihren Klei­nen oder dem Püppchen den Kopf abzurei­ßen. Sie entschieden sich, soweit be­kannt wurde, für letzteres.

Überhaupt ging alles noch einmal gut, weil es in Ame­rika Experten für Spiel­­zeugsicherheit gibt, auf de­ren nachdrückliche Intervention hin der für die Pup­pe verantwortliche Hersteller sein Produkt bald nach der Jahreswende zurückgezo­gen hat. Es hätte ja, sozusagen um ein Haar, auch ganz anders kommen können. Hät­ten die Eltern nicht die Puppe, sondern aus Versehen oder aus Ver­zweif­lung ih­re Kinder umgebracht, wären eine Serie von Mordprozessen und ein neuer Streit über political correctness unvermeidlich gewesen. So aber können die Verei­nig­ten Staaten ei­ni­ger­maßen gefaßt der Jahrtausendwende entge­gensehen.

Immer hat Europa auszubaden, was die Amerikaner sich einfallen lassen. Sie erfinden die Computer - und wir haben die Verwaltungen, die an seiner Einfüh­rung zusammenbrechen. Sie konstruieren die haarefressende Puppe - und wir haben die Skinheads. Sie tauchen auf wie die Heere aus der Nacht, hauptsächlich in Mag­­­deburg, aber Magdeburg ist entsetzlicherweise über­all. Die Firma, die sie hervorbringt, ist allgegenwärtig und gleichzeitig unbekannt, und kein Experte für Spiel­­zeugsicherheit kann dieser Entwicklung Einhalt gebieten.

Das kann noch in den Kannibalismus zurückführen oder uns alle in einen Science fiction-Film katapultieren. Welche Sicherheitsexperten sind für die Folgen des  ge­klon­ten Schafs Dolly zuständig, das ein schot­tischer Gen­forscher in Koproduktion mit der Landwirtschaft in die Welt gesetzt hat? Clinton immerhin hat seine Ethikkommission alarmiert, die über die Sicherheit in den moralischen Grundfragen wacht. Unser Zukunftsminister Rüttgers sagt, einen geklonten Menschen werde es niemals geben, jedenfalls in Deutschland nicht. Aber nach diesem erschrockenen Mi­nister wird möglicherweise ein unerschrockener Mi­ni­ster kommen, der darüber ganz anders denkt. Abgesehen da­von, daß es schwierig sein wird, in der Europä­­­­­­­­­­­­­­­­­­i­schen Union eine Ei­nigung darü­ber herbeizuführen, daß geklonte Menschen auf gar kei­nen Fall in Fra­ge kommen. Oder aber daß, sollten sie plötzlich doch in Schott­land oder in Mag­­deburg oder wo auch immer auftauchen, ihnen sofort der Kopf ab­zureißen sei.

Eine Debatte darü­ber, ob einem aus der gentechnischen Retorte produ­­­­­zier­ten Menschen die Men­schenrechte verweigert werden können, wird nicht lange auf sich warten lassen. Die Geklonten werden ihre Betroffenenverbände gründen; sie wer­­­den in den Bundestag einsickern, die Ge­werkschaften unterwandern und von den Datennetzen Besitz ergreifen. Und dann wird es zu spät sein.

Vielleicht ist es schon jetzt zu spät. Die Puppe „Cabbage Patch Snack Time Kid“ scheiterte noch an entschlos­senen Eltern und am amerikanischen Verbrau­­­­­­­cher­­schutz. Sie scheiterte letztlich an einem entwickelten High tech-Bewußtsein und an einer robusten kapitalistischen Strategie, die ihre Produkte testet und im Zwei­felsfall als Schrott in sämtliche Weltgegenden exportiert. Europa hingegen wird von seiner agrarischen Vergangenheit eingeholt, von verrückt gewordenen Viehzüchtern, die sich als Forscher maskieren und aus schottischen Nachtmahren die Monstren der Zukunft brauen.  

 

         Klaus Kreimeier

         1997