Glasfasern 45


Zum Anfassen

 
        Nicht alles fassen wir gern an. Unser Tastsinn ist ein Kritiker des Organischen und Anorganischen um uns herum; in Zweifelsfällen empfiehlt er Abstand, um uns Unbehagen oder Schlimmeres zu ersparen. Die anderen Sinne, zumal die Augen, erfüllen ihre nützliche Funktion in diesem Warnsystem, doch gibt es Fälle, in denen erst die Fingerspitzen uns eine verläßliche Auskunft über die Beschaffenheit einer Sache übermitteln - und darüber, ob ihre Berührung unser Gefallen oder eher unseren Abwehrinstinkt erregt.

Ins Passivische gewendet, gilt ebenso, daß wir uns gegen den Gedanken sträuben, wir selbst könnten ein Objekt des allgemeinen Anfassens sein - ein Gegenstand, der wehr­­los die haptische Berührung von Hinz oder Kunz (von anderen gar nicht zu reden) über sich ergehen lassen müßte. Kein Wunder, daß die diversen alternativen Bewegungen, die stellvertretend für uns verkopfte Schrumpfexistenzen die Körpererfahrung, den Hautkontakt und eben auch das Wunder des Anfassens wiederentdecken zu müssen glaubten, neuerdings das „Loslassen-Können“ propagieren.

Fassen wir Prominente gern an? Das mag jeder für sich selbst entscheiden und seine je individuellen Unterschiede zwischen diesen und jenen Prominenten machen. Wenn Politiker sich danach drängen, angefaßt zu werden, und ihr unvermeidliches Bad in der Menge nehmen, ist Mißtrauen geboten; die Volksnähe ist meist eine Inszenierung, und die Verrenkungen des Körpers weisen auf ein menschliches Defizit. Zur Besorgnis gibt jedoch das Schicksal unserer Zeitgrößen Anlaß, seitdem uns alle möglichen Veranstalter „Promi­nente zum Anfassen“ andienen wollen. Keine Preisverleihung, keine Filmpremiere, kein öffentliches Sackhüpfen zwischen Peine und Paris, das nicht mit dem allgemeinen Angrapschen von Figuren des weltweiten Interesses locken könnte. Es ist noch schlimmer gekommen, seitdem spezielle Agenturen eine offenbar weit klaffende Marktlücke erkannt haben und prominente Gäste an Leute vermieten, die ihre privaten Jubelfeiern nicht nur mit klangvollen Namen, sondern auch mit den zugehörigen Körpern garnieren wollen. Zum Anfassen versteht sich; sie brauchen nur im Gewühl herumzustehen und ihre Prominenz auszustellen.

Abgesehen davon, daß sich nicht alles zum Anfassen eignet - unser Tastsinn verliert seine Orientierung, wenn er  Filmstars, Parteivorsitzende, Fuß­ballkönige, Litera­tur­nobelpreisträger oder Meisterphilosophen unterschiedslos als Prominente, vulgo Promis befingern soll: eine neuere Menschengattung, in die pauschal alles eingeschmolzen wird, was mindestens dreimal pro Woche auf dem Fernsehschirm zu sehen ist. Prominen­te zum Anfassen sind natürlich eine Erfindung des TV-Zeitalters, das in dem Maße, wie es unsere Augen überfüttert, unsere haptischen Funktionen unterfordert und durch elektro­nische Abtaster ersetzt. Als Zaungäste der Schönen und Reichen sind wir, selbst in der ersten Reihe, gemeinhin auf die Fernbedienung angewiesen, um im Licht des telematischen Scheins einer Nähe teilhaftig zu werden, die sich immer wieder als Illusion erweist. Die Prominenz zum Anfassen will da Abhilfe schaffen - mit der Verheißung, daß die verführerische Obszönität der Nähe, die der Bildschirm suggeriert, jederzeit ins reale Leben hereinzuholen sei. Als Phantom des Konsumismus verbündet sie sich mit der Werbung, die in Bildern spricht, um uns zum Zugreifen zu animieren. Doch, wie gesagt: nicht alles fassen wir gern an.

         
Klaus Kreimeier

         1997