Glasfasern 44


Frauenopfer

 

Im alten Babylon, so berichtet James George Frazer in seinem schier unerschöpflichen Werk über Magie und Religion, „Der goldene Zweig“, erhob sich das Hei­ligtum des Bal pyramidenartig und in acht Türmen über der Stadt. Auf dem höchsten Turm stand ein Tempel und darin ein mit prächtigen Kissen ausgestatte­tes Bett. In diesem Bett durfte kein menschliches Wesen nächtigen - außer einer eigens auserwählten, noch im Besitz ihrer Unschuld befindlichen jungen Frau, die für den Voll­zug der Ehe mit dem menschenverschlingenden und auch sonst als ziemlich robust gekennzeichneten Gott Bal vorgesehen war. Was mit der jungen Frau in jenem Bett ge­schah, überliefert uns Frazer nicht, doch verweist er beziehungsreich auf verwandte Mythen in aller Welt, die mit bestürzender Regelmäßigkeit nicht nur von der Entjungfe­rung, sondern von der Zerstückelung des weiblichen Opfers zu berichten wissen.

Im Lichte dieser Mitteilungen eines verläßlichen Gelehrten muß uns ein Be­schluß des Bezirksamts Berlin Mitte als Rückfall in puren Atavismus erscheinen. Da­nach sollen sich „an dem wohl ungewöhnlichsten Ort“ der Hauptstadt, nämlich unter dem Brandenburger Tor, von April an Brautpaare „das Ja-Wort geben“ können. Das „standesamtliche Procedere“ werde in einem „festlich ausgestatteten Bus“ zusammen mit den Berliner Verkehrsbetrieben organisiert.

Zu denken gibt dabei vor allem das ausersehene Bauwerk, das zwar keines­wegs zu den höchsten Gebäuden der Hauptstadt zählt, auch weder acht Türme aufzuweisen hat noch mit einer Py­ra­mi­de zu verwechseln ist, seit den Tagen des Mauerbaus jedoch und erst recht seit dem glücklich erfolgten Mauerfall allgemein als ein Sanktuarium der neueren deutschen Ge­schichte betrachtet wird - gekrönt von einer germa­ni­schen Victoria, die, vom Krieg ramponiert und zeitweilig durch die rote Fahne ersetzt, ihre vier Rösser mal in die eine, mal in die andere Richtung gelenkt, zum guten Ende aber, weithin sichtbar, die politischen Zügel in der Hand behalten hat.

Anstatt es bei dieser hinreichend rabiaten Symbolik zu belassen, aktiviert nun also das Bezirksamt Mitte zusätzlich einen archaischen, um nicht zu sagen barbarischen Vermählungsmythos. Zwar fehlt das Bett, auch wird die Braut von einem in Ba­by­lon seinerzeit nicht vorgesehenen Statisten, nämlich ihrem weltlichen Bräutigam be­gleitet. Solcher Abweichungen ungeachtet, sind die Strukturen des Opferrituals jedoch auf An­hieb wiederzuerkennen, zumal als menschenmörderische Gottheit Bal dieses Jahr­hunderts unschwer der Kommunismus auszumachen ist. Ein Gott, der erwiesener­ma­ßen keiner war, nichtsdestoweniger bis zum November 1989 direkt hinter dem Bran­denburger Tor und von dort bis ins ferne Sibirien sein bekanntlich teuflisches Wesen getrieben hat.

Um ihn zu bannen und an seiner Wiederkunft zu hindern, ist dem Bezirksamt Mitte jedes Mittel recht - selbst um den Preis der finstersten Regression in ein präratio­na­les Weltbild, das Frauenopfer vorschreibt. Darüber täuscht auch nicht hinweg, daß man das gräßliche Vorhaben hinter dem „standesamtlichen Procedere“ versteckt und sich im übrigen an einer reichlich verschlissenen Anspielung - der Mitwirkung der Ber­­liner Verkehrsbetriebe - delektiert.

Zieht man in Betracht, daß das Bezirkamt Berlin Mitte, wie jeder weiß, PDS-un­­terwandert ist, erhält die ganze Geschichte freilich einen grausigen Hinter- oder viel­mehr Gegensinn, der lauthals nach dem Eingreifen der Verfassungsschützer schreit.    

 

Klaus Kreimeier


1997