Glasfasern 42


In der Falle

 

Mehr als 500 Eisenbahnreisende saßen kurz vor Weihnachten sieben Stunden lang in einer Falle, weil ein umgestürzter Baum bei Baden-Baden sich auf die Gleise gelegt und die Weiterfahrt des ICE Hamburg-Basel gestoppt hatte. Die dpa-Meldungen am Heiligen Abend schwiegen sich sowohl über die Größe als auch die Art des Baumes aus, ebenso über den Schwierigkeitsgrad der Arbeiten, die zu bewältigen waren, um das Hindernis aus dem Weg und dem Zug wieder freie Bahn zu schaffen. Ein Baum, sozusagen der „Baum an sich“, hatte sich, stellvertretend für die restliche Natur, quer zur Zivilisation gelegt und für sieben Stunden die Bedingungen der Wildnis wiederhergestellt. Daß die schöne, luxuriöse, weihnachtlich illuminierte Stadt Baden-Baden fast zum Greifen nah war, ergab für die Reisenden keinen Sinn; ebenso gut hätte sie von der Dunkelheit verschlungen sein können, die durch die Abteile, und von der Kälte, die allmählich in die Glieder der Zuginsassen kroch. Von einer „Eis­fal­le“ sprach folgerichtig die Nachrichtenagentur; die Antarktis war nicht fern.

Mit der Natur im Bunde agierten die Leitstellen der Deutschen Bahn, die sich sieben Stunden lang beharrlich weigerten, fünfhundert in der Eis- und Zeitfalle steckende Passagiere aus ihrer Notlage zu befreien - oder sie vielmehr, wie dpa wie­­derum korrekt meldete, zu „evakuieren“. Tatsächlich waren sie ja in ein Vakuum gestürzt, in eine Art Nicht-Existenz. Jener legendäre sowjetische Astronaut, den die Welt beinahe vergessen hätte, weil die Sowjetunion zusammenbrach, während sein Raumschiff Kurs hielt, war kaum einsamer als sie.

Als alles überstanden war, kamen erwartungsgemäß die ebenso halbherzigen wie durchschaubaren Erklärungen: Man habe die Reisenden nicht evakuiert, weil man davon ausgegangen sei, daß der Zug bald weiterfahren könne. Aber die plötzlich wiederhergestellte Wildnis entfaltete, so ist zu vermuten, ihre eigene Dynamik. Ein Baum, der einem hochmodernen Schienenfahrzeug die Weiterfahrt ver­wei­gert, ist gewaltiger und unheimlicher als ein simpler Baum. Die Dunkelheit nach einem Totalausfall der Elektrizität ist finsterer, die Kälte nach dem Zusammenbruch eines computergestützten Heizungssystems grimmiger als unter normalen Bedingungen, weil eben mehr als die Apparatur, nämlich: die Normalität selbst außer Kraft gesetzt scheint.

Zur Rache der Natur gesellte sich somit die Krisenanfälligkeit eines komplexen Steuerungssystems und schuf eine Situation, die terroristisch genannt zu werden verdient, obwohl - anders als im Kino - kein Eisenbahnräuber auf der Bildfläche erschien. Der Schrecken entsprang dem unvorhersehbaren Stillstand, und er schlich sich in die Hirne in dem Maße, wie der Stillstand ein Dauerzustand zu werden drohte. Wer sieben Stunden aus der Normalität exterritorialisiert ist, entwickelt ein anderes Verhältnis zur Zeit. In einem steckengebliebenen Aufzug reichen schon Minuten, um eine Streß-Situation heraufzubeschwören, die meist in keinem rationalen Verhältnis zur technischen Ursache steht.

Die Reste der Natur und die Leitstellen der Bahn arbeiteten Hand in Hand, um eine Lage zu schaffen, die Kafka als Unglück in einem Tunnel beschrieben hat - „und zwar an einer Stelle, wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, daß der Blick es immerfort suchen muß und immerfort verliert, wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind.“

 

         Klaus Kreimeier

         1997