Glasfasern 41


Vermauert

 

Im Sinne einer wirksamen Bekämpfung der Ausländerkriminalität müsse unsere Justiz sich stärker als bisher „als Baustein in der Sicherheitsarchitektur“ verstehen - so Bundesinnenminster Kanther. Von einer Reaktion der Justiz auf dieses bemerkenswerte Ansinnen  wurde bisher nichts bekannt. Möglicherweise hat man dort gar keine Bedenken gegen die Aussicht, im Zuge neuerer Bauvorhaben der Regierung gleichsam als Backstein verplant zu werden. Die Idee, daß die Rechtsprechung in diesem Staat unabhängig sei, wäre dann dem Bauschutt zuzurechnen und könnte noch vor dem Richtfest der Entsorgung zugeführt werden.

Die Architektur-Metaphern nehmen allmählich überhand. Nimmt man sie beim Wort, eröffnen sich nicht nur freundliche Perspektiven. Das „europäische Haus“ wurde in der einschlägigen Rhetorik inzwischen so verschlissen, daß die Bereitschaft der Europäer zum kollektiven Umzug merklich nachgelassen hat. Zu viele von ihnen leben noch in allzu dürftigen, lichtlosen Mietskasernen, um sich vorstellen zu können, daß ihnen eine Europäisierung ihrer Misere bessere Wohnbedingungen bescheren werde.

Im übrigen konkretisiert sich der Verdacht, daß die Bauherren, also die europäischen Völker, noch immer von einem gemeinsamen Haus träumen, während ihre politischen Architekten längst im Begriff sind, eine massive Festung zu errichten. Wenn nicht einmal mehr Kirchen vor Polizeirazzien sicher sind, sofern in ihnen ein der Abschiebung zuzuführender Asylbewerber vermutet wird, verfällt mit der politi­schen Moral zugleich der Symbolgehalt, der in unserer Kultur einmal den Bauwer­ken zugeordnet war. Manche Gedankenspiele zielen auf eine Betonlandschaft, bestehend aus Schutzräumen für die Einheimischen, Kasernen für die Ordnungskräfte und Baracken, in die  man die unerwünschten Ausländer sperrt.  

Nun also Kanthers Sicherheitsarchitektur - eine baugeschichtliche Variante, die selbst einem Albert Speer erst in den Sinn kam, als er vom Baumeister des Führers zum Rüstungsminister aufgestiegen war, Hitlers Reich bereits zur Häl­fte in Trüm­mern lag und die Luftschutzkeller sich für das Überleben der Bevölkerung als unzureichend erwiesen hatten. Dieses Land wird seine Bunker-Men­ta­li­tät nicht los; die Wolfsschanze, der Berghof als Alpenfestung und der Füh­rer­bun­ker geistern noch immer durch unsere Phantasie, ganz zu schweigen vom Atlantik­wall.

Deutschland - ein Sicherheitstrakt? Nach Standort-Debatte und Globalisierungs-Angst jetzt also, nicht ganz ohne Logik, die verstärkte Nachfrage nach zuverlässigen Befestigungsanlagen. Selbst Enzensberger stößt ja, in seinem letzten „Spiegel“-Essay, in dieses Horn: Sicherheit werde in absehbarer Zeit eines der kost­­­­barsten, kaum erschwinglichen Güter sein. Das Tempo, mit dem die Begriffsschöpfungen der Machthabenden zu Allgemeingut mutieren, das heißt: einfach nach­geplappert werden, ist atemberaubend. So darf es nicht verwundern, daß auch die Richter und Staatsanwälte dieses Landes keinen Anstoß mehr daran nehmen, gleich mit vermauert zu werden, wenn unsere Regierung sich neue Bunker ausdenkt. Denn, Originalton Kanther: „Die Justiz muß einigermaßen in Übereinstimmung sein mit der vernünftigen Meinung des ganzen Volkes.“

 

         Klaus Kreimeier

         1996