Glasfasern 38


Kundenträgheit

 

              Ein Sprecher der Industrie- und Handelskammer Münster gab dieser Tage vor Fernsehkameras kund, es müsse etwas gegen die Kundenträgheit getan werden. Die neuen Ladenöffnungszeiten sind nun da, doch bedauerlicherweise klingeln die Ladenkassen bisher nicht wesentlich öfter und heftiger als zuvor. Anstatt  womöglich dreimal am Tag mehr und ausdauernder einzukaufen, verschleppen die Kunden offenbar selbst das Lebensnotwendige bis in den Abend. Dann sinken sie ermattet nieder und stellen fest, daß sie gar nichts brauchen. Im Kühlschrank findet sich noch das eine oder andere - warum sollte man nicht auch den Erwerb der dringend vorgesehenen Eichengarnitur, Rustikalstil, auf morgen oder noch besser auf nächste Woche verschieben? So oder ähnlich geht die lausige Klientel mit einer neuen gesellschaftlichen Errungenschaft um.

              Es ist schon wahr, eine bedenkliche Trägheit, wenn nicht gar Schwerblütigkeit, die bereits von früheren Herrschern tief im Volkskörper diagnostiziert wurde, hemmt den Fortgang unserer Zivilisation. Man muß Einfälle haben, um die quasi von Natur aus zur Stagnation tendierenden Massen in Bewegung zu setzen. Es genügt jedenfalls nicht, nur ein bißchen am Streikrecht herumzumäkeln, wie es jetzt der Gesamtmetallchef Stumpfe versucht hat; prompt bringt er nicht nur, logischerweise, die Gewerkschaften, sondern auch den Kanzler persönlich gegen sich auf, dem doch eigentlich die Erkenntnis zu verdanken ist, daß unser Land längst zum kollektiven Freizeitpark geworden ist. 

Das Recht auf Müßiggang, auf Arbeits- und sogar auf Konsumverweigerung hat sich unverständlicherweise im Katalog der Grundrechte unseres Gemeinwesens zäh festgesetzt. Dabei ist übersehen worden, daß Grundrechte vom schwer­fälligen Volk immer mißverstanden, im Endeffekt mißbraucht werden. Mitt­ler­weile ist doch offenkundig, daß unsere Grundrechte dem Industrie- und Wirtschaftsstandort Deutschland nicht besonders bekömmlich sind. Aber wer, Hand aufs Herz, läßt sich dazu überreden, ein Heizkissen, eine Schwarzwälder Uhr oder drei Meter Brockhaus zu kaufen, um dem Wirtschaftsstandort Deutschland eine Gefälligkeit zu erweisen? Dem guten Willen schiebt schon die naturgegebene Trägheit einen Riegel vor.

              Die neuen Ladenöffnungszeiten sind ein Angebot an den Kunden, seiner Kaufkraft inne zu werden. Der aber läuft gedankenlos an den Kaufhäusern vorbei oder macht sich gar nicht erst auf den Weg - vielleicht auch, weil er weiß, daß das Kaufhaus Quelle, zum Beispiel, dreimal täglich auf der Hot-Line im Fernsehen sendet und seine Waren von geklonten Blondinen für die telefonische Direktbestellung anpreisen läßt. Damit entsteht ein kulturelles Dilemma und ein dialektisches Problem, das der  technologischen Revolution anzulasten ist: der Angriff der elektronischen Zeitverhältnisse auf die Realzeit, die der Kunde normalerweise auch heute noch benötigt, um an einer Ware Gefallen zu finden und sie zu erwerben.

Die träge fließende Realzeit unterstützt sozusagen seinen Hang zur Faulenzerei und führt am Ende gar zum Kaufverzicht. Dem soll die Möglichkeit zum elektronischen Blitz-Einkauf vorbeugen. Der Kunde soll kommunikationstechnisch überrumpelt und über die Verlockung der Live-Schaltung zum mediatisierten Reflexkäufer werden. Das ist clever gedacht. Der Haken dabei ist: auch das Medium, gerade weil es so schnell ist, hat bekanntlich einen Trägheitseffekt. Geht die Rechnung nicht auf, führt Quelle nur einen Blitzkrieg gegen sich selbst und reißt damit einen Abgrund auf, der möglicherweise nicht nur die Konsumbereitschaft der trägen Kunden, sondern den gesamten Standort mit Mann und Maus verschlingen wird.

 

         Klaus Kreimeier

         1996