Glasfasern 36


Sonntagmorgen

 

              Ein Sonntagmorgen in einer anderen Stadt, zu Fuß vom Hotel zum Bahnhof. Menschen sind kaum unterwegs, jedes Geräusch hat sein Gewicht, man hört seine eigenen Schritte. Herbstlaub; ein Blatt, das über die Straße raschelt. Der Nebel über dem Fluß - unversehens und überraschend die Feststellung: daß Städte atmen. Ein einsames Auto, das über die Brücke fährt, schwimmt aus den Resten der Dämmerung in den beginnenden Tag. Ampelanlagen funktionieren ordnungsgemäß und ohne Sinn. Von den Häusern strömt eine kompakte, solide Ruhe aus. Es gibt Bäume und sogar einen Park.

              Jede Epoche hat ihre Städte anders wahrgenommen; heute entziehen sie sich mehr und mehr dem Blick. Wir bereisen Cities - genauer: wir gleiten an sie heran und durch sie hindurch. Aus dem Intercity in die S-Bahn, mit dem Taxi zum Hotel, vom Hotel zu irgendeinem hypermodernen Tagungsort und zurück zum Bahnhof: Gläserne Gehäuse tragen uns durch eine Welt aus Glas. Das Gleiten ist angenehm, die Transparenz schmeichelt den Augen - bis sie ermüden, weil ihnen die Konturen der Dinge verweigert werden.  Die Wirklichkeit der Städte zerfließt hinter spiegelnden Flächen, löst sich in Farbmuster, Lichtreflexe, unspezifische Impressionen auf. Fortbewegung, die dem Körper wenig abverlangt, anästhetisiert auch die Bereitschaft zur Wahrnehmung.

Hinzu kommt eine merkwürdige Stille. Glas hält Geräusche fern. Die Städ­te in Mitteleuropa, so scheint es, sind lautlos geworden. Sie dulden keinen Ver­gleich mit südlichen Plätzen, wo das Geschrei der Märkte und der Lärm zerlöcherter Auspuffrohe, das Peitschen der Polizeisirenen und der Krach aus unzähligen Ghettoblasters vom Morgen bis in die Nacht für einen extremen Geräuschpegel sorgen, der einer schärferen Gangart des Lebens entspricht, aber auch bezeugt, daß in Not und Dreck eben dieses Leben nicht kleinzukriegen ist. 

Der akustische Müll, in dem wir leben, habe uns längst zu Slumbewohnern gemacht, so wird geklagt. Aber dieser Müll dringt von den Medien, nicht von den Märkten auf uns ein, nicht von Straßenhändlern, nicht vom Singsang religiöser Sekten und auch nicht mehr von quietschenden Straßenbahnen. Es geht gedämpft zu in unseren Städten; das Gebot, nur im Notfall die Hupe zu betätigen, wird in der Regel befolgt. Auch die heute verwendeten Baustoffe tragen zur Abmilderung schriller Zwischenfälle und plötzlicher Detonationen bei. Die postindustrielle Produktion hat uns in ein gleichmäßiges Gleiten und Summen eingepackt. Türen, die sich selbsttätig öffnen und schließen, kann man nicht krachend hinter sich zuschlagen.

So kommt es wohl, daß der einsame Passant am Sonntagmorgen nicht von der Stille in der Stadt, sondern eher von der Reinheit der Geräusche überwältigt ist, die  gewöhnlich im Summen der urbanen Maschinerie verwischt wird. Augen und Ohren können im Vorübergehen Entdeckungsreisen machen, weil die Stadt lebt, aber noch nicht funktioniert. Selbst dort, wo sie funktioniert - wie in den blinkenden Ampelanlagen -, scheint sie sinnfrei mit sich selbst zu spielen. Vom Ho­tel zum Bahnhof, auf diesem Weg haben die Sinne etwas zu tun. Im IC wartet schon die Postmoderne.

 

Klaus Kreimeier


1996