Glasfasern 34 

Störung


             
Ungebremst redende Italiener sind wie laut lachende Neger - wie diese mit ihrer Fröhlichkeit, finden jene rhetorisch zu sich selbst. Sie schlüpfen ganz plötzlich in ihre Identität und sind dann so auffallend ausländisch, daß auch der überzeugteste Xenophile unwillkürlich von ihnen abrückt.

              Neulich stand so einer an der Straßenbahnhaltestelle vor dem Münchner Hauptbahnhof, ein schmächtiges Kerlchen, blasses, nervöses Gesicht; irgendein Ärger provozierte seinen Redefluß. Ein urbanes, ziemlich verschliffenes Italienisch, mit Slang versetzt, die Sprache Dantes oder Leopardis war es jedenfalls nicht.

              Zuerst redete er verbittert auf einen schweigenden Landsmann ein, der mal achselzuckend, mal stirnrunzelnd die Suada über sich ergehen ließ. Dann aber verselbständigte sich der Monolog des Erzürnten, der, durchaus grazil, von dem stummen Gefährten wegtänzelte und seine Klage nun an eine allgemeine Öffentlichkeit, an den Münchner Hauptbahnhof und an den freudlosen Nachthimmel richtete.

             Er belästigte niemanden. Er war weder verrückt noch betrunken. Er ärgerte sich nur - über die steigenden Preise, über die staatliche Tabaksteuer und über einen Kollegen, den er „Zigeuner“ nannte, weil er ihm ständig seine Zigaretten schnorrte. Sein Selbstgespräch schraubte sich, ein wenig krächzend, an den ordentlich herumstehenden Einheimischen vorbei und über ihre Köpfe hinweg ins Nichts. Dabei schleuderte er von Zeit zu Zeit zierlich den rechten Fuß zur Seite, als kicke er einen imaginären Ball einem imaginären Mitspieler zu. Selbstvergessen sandte er lauter Signale seiner Einsamkeit ins Niemandsland.

               Die  ordentlich Herumstehenden verzogen keine Miene, sie guckten nur weg.  Einige rückten unauffällig in eine etwas größere Distanz. Niemand murmelte etwas, niemand beschwerte sich. Man tat so, als wäre man gerade abgereist. Als wäre der Zugereiste ein Stück Anti-Materie. Eine Störung zwar, doch nicht wahrnehmbar. Ein Abgrund tat sich auf. Dann kam die Straßenbahn.

            Impulsiv redende Italiener und lachende Neger zerreißen die sittsame Stille in diesem Land. Sie fügen sich nicht in die wohlgeordneten Abläufe ein. Sie weigern sich, der ihr zugewiesenen Gastrolle durch kleine Laute und gedämpfte, möglichst unhörbare Artikulation gerecht zu werden. Ihr Anders-Sein, provozierend genug, bekümmert sie nicht; sie kehren es heraus. Die Gastgeber reagieren perplex.

              

Klaus Kreimeier

1996