GLASFASERN  29


               Goncourts Bombe

 

Im Herbst 1870, als Paris von den Armeen Preußens belagert wurde, wanderte Edmond de Goncourt unruhig durch die hungernde, angstgepeinigte, von Barrikaden aus Sandsäcken und Pflastersteinen gespenstisch entstellte Stadt und wünschte sich die Atombombe herbei.

Seine Tagebucheintragung vom 12. Oktober hält genau fest, unter welchen physiologischen und psychologischen Bedingungen der menschliche Verstand zum Terroristen wird. Wie er in eine Lage gerät, in der er imstande ist, das Extreme zu denken und mit seinen schrecklichen Gedanken in eine extreme Zukunft vorauszueilen:

„In diesen tragischen Tagen, in denen der Puls höher schlägt und der Kopf einem immer benommen ist, weil man stets den dumpfen Lärm der Schlacht hört, die uns an allen Seiten umgibt, hat man das Bedürfnis, aus seinem wirklichen Wesen herauszukriechen, das unnütze Individuum, als das man sich fühlt, von sich abzustreifen, und sich ein anders erwecktes Leben in einem Traum zu gestalten, sich als Häuptling einer Bande zu ‘erfinden’, die feindliche Züge überrascht, den Feind dezimiert, Paris von der Blockade befreit, - und so lebt man lange Augenblicke, von einer Art Gehirnhalluzination in eine imaginäre Existenz getragen.“

Das sind noch Räuberbanden-Träume, durch die Robin Hood und Fanto­mâs  als Helden pueriler Befreiungsphantasien geistern. Aber die Transsubstantia­tion des Bewußtseins, die vorausgegangen ist, die halluzinatorische Passage in eine „imaginäre Existenz“ setzt unvermittelt das destruktiv-utopische Denken frei. „Man erfindet“, so fährt Goncourt fort, „irgendein Mittel zu fliegen, das einen die feindlichen Stellungen sehen und erkennen läßt, man erfindet irgendeine mörderische Maschine, die ganze Bataillone tötet, das große Sterben über ganze Teile der Armee ausgießt.“

Das Mittel zu fliegen und im Fluge den Feind auszumachen, wurde 1914 erfunden, und im weiteren Verlauf der Entwicklung machte die Verbindung von Zielfernrohr und Bombe, Seh- und Vernichtungsmaschinen erhebliche und schnel­le Fortschritte. Auch die Maschinen, die geeignet waren, Bataillone zu tö­ten, Landstriche einzuäschern und das große Sterben auszugießen, ließen nicht auf sich warten.

Ungelöst bis heute ist die Frage, wie ein Mensch im Paris des 19. Jahrhunderts, in angstvoller Anspannung den „energischen, sonoren Lautwellen“ der preußischen Kanonen lauschend, die Wirkungsweise der biochemischen Kriegs­führung denken konnte. In seinen Phantasien sah sich Goncourt plötzlich als „Erfinder einer Substanz, die unter mir den Sauerstoff oder den Wasserstoff der Luft zerstörte und so das Atmen für die preußischen Lungen einer ganzen Armee tödlich machte.“

Wie man sieht, ist die Furcht, vom Feind vernichtet zu werden, eine Quelle für Phantasien, die uns er-mächtigen, dem Feind nicht nur zuvorzukommen, sondern ihn tausendmal tödlicher zu treffen, als es alle tatsächlich verfügbaren Waffen möglich erscheinen lassen. Angst potenziert die Vernichtungs-Lust.

„Durch die großen Weiten und die großen Abenteuer des Unmöglichen“ sah sich Goncourt in seinen Einbildungen wandern. Das Problem jedoch ist nicht, daß er das Unmögliche, sondern daß er das Mögliche und bald schon Realisierbare dachte. Es wäre also jener Punkt herauszufinden, in dem die destruktiven Angst-Phantasien mit technischer Phantasie kontaminiert werden und eine erfinderische Dynamik erlangen, die zwangsläufig die Waffenproduktion revolutioniert. Dann wäre die Geschichte der Massenvernichtungen nicht mehr als eine Geschichte der schwindenden Moral, sondern als eine der zunehmenden Angst zu beschreiben.

 

    Klaus Kreimeier
  
              1996