GLASFASERN  26 

Deplaziert

             Vor kurzem wurde ein überregional bekannter Sprayer namens Müller vom Münchner Amtsgericht wegen Sachbeschädigung zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und zwanzig Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Der Mann war geständig, sechs S-Bahn-Züge der bayerischen Hauptstadt mit großflächigen Graffitis besprüht - also eben jene Form gemeinnütziger Arbeit verrichtet zu haben, die auch der Staatsanwalt zu würdigen nicht umhin kam, als er im Schlußplädoyer in seiner Eigenschaft als Privatmann und Ästhet einräumte, daß der Delinquent Mül­ler un­ter allen Umständen als Künstler zu würdigen sei - und seine verbrecherischen Produkte als Werke, die mit den üblichen „vandalistischen Schmierereien“ nicht im ent­­ferntesten zu vergleichen seien. Bedauerlicherweise habe sich der begabte Mensch für seine überdurchschnittlichen Hervorbringungen nur den falschen Platz ausgesucht.

            Der Fall zeigt nicht nur, wie weit wir uns inzwischen von Schiller entfernt haben, der sich von der ästhetischen Erziehung der Münchner S-Bahn-Be­nut­zer durch Müllers Graffiti zweifellos auch eine Anhebung ihres sittlichen Niveaus ver­sprochen hätte. Nachdenklich stimmt der Richtspruch auch hinsichtlich der Frage, was es mit der Kunst und ihrem „Platz“ eigentlich auf sich habe, ob und wie­viel Platz ihr zuzubilligen sei - und ob unsere Angewohnheit, sie auf die Plätze (nämlich die ihr zustehenden) ­zu ver­weisen, nicht überhaupt ein großer Schmarrn ist.

            Alles muß seine Ordnung haben, logisch. Daß für parkende Autos Parkplätze geschaffen wurden, ist sinnvoll; es gibt sowieso keine mehr. Gerade die Verkehrs­­­ent­wicklung hat ja die Platzfrage für die Kunst neu aufgeworfen - in München bezüglich der S-Bahn, auf der Kunst keinen haben soll, und in anderen Städten bezüglich der Kathedralen, die von ihren Erbauern so hingestellt wurden, daß sie seit Jahr­hun­derten jeder rationalen Verkehrsentfaltung im City-Bereich den Platz versper­ren.  Trotzdem ist noch niemand auf die Idee gekommen, die Gotteshäuser abzu­räu­men - etwa mit der Begründung, es handle sich um Kunst, die im Stadtzentrum kei­­nen Platz habe.

Es gibt allerdings Ausnahmen - so hat sich Ulbricht, was Kirchen angeht, als Sprengmeister betätigt; und in Köln hat man den Dom mittels Untertunnelung und Verplattformung seiner Umgebung so maßgerecht „angehoben“, daß die Autos nicht mehr an ihm zerschellen und auch nicht um ihn herumfahren müssen. Im übrigen ist sich der gesittete Teil der Menschheit jedoch darin einig, daß man die Kir­che im Dorf, will sagen: im City-Kern, das heißt: möglichst dicht an den Einkaufszentren lassen soll. Schon den Touristen zuliebe, die in die Kathedralen hinein-, an den Warenhäusern aber möglichst nicht vorbeilaufen sollen.

Womit wir wieder bei Schiller und bei der Tragik des nunmehr vorbestraften Sprayers Müller wären. Seine Kunst bringt nichts ein, sie ist zweckfrei schön. Sie ist nicht besonders gottesfürchtig, und als Wegweiser zu den Konsumzentren kann man sie auch nicht verwenden. Da sie immerhin Kunst, also das Gegenteil von „Schmiererei“ ist, würde sie der Staatsanwalt wohl gern ins Museum, das heißt auf ihren rechtmäßigen Platz verweisen. Gerade dort wäre sie nun freilich total deplaziert.

 

Klaus Kreimeier

1996