Glasfasern 24

Sommerende


Der Sommer begann mit Rinderwahnsinn, und mit dem Prozeß gegen Peter Graf wird er wohl zur Neige gehen. Bald fallen die Blätter; irgendwann ist Weihnachten, und wir werden wieder besonders schöne Reklamesendungen im Fernsehen haben. So geht das Jahr dahin, Hochwasserkatastrophen und Qualifikationsspiele zur Fußballweltmeisterschaft inbegriffen.

Trotzdem, mit diesem Sommer stimmte etwas nicht, vom Wetter einmal ganz abgesehen. Gerüchte gehen um; die Steueraffären überschlagen sich, und der „Spiegel“ (der neue „Spiegel“ unter Aust) weiß immer ganz genau, wie und wann er seine Geschichten plazieren muß, damit er drei Wochen später eine lustige Geschichte über die wilden Wogen in der öffentlichen Meinung auf den Markt bringen kann. Vielleicht war das schon immer so. Trotzdem wird man den Verdacht nicht los, daß Drahtzieher die Macht ergriffen haben.

Das mit dem Rinderwahnsinn, sagen die einen, sei alles Lug und Trug.  Eine Intrige von Bürokraten in der Europäischen Union. Andere meinen herausgefunden zu haben, daß es gar keinen Sextourismus gebe. Er sei eine Erfindung von Regisseuren, die den Weltkongreß gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern organisiert und dazu die passenden Bilder aus Belgien in Auftrag gegeben haben. Die Wolken jagen am Himmel, und man beginnt, nachdenklich zu werden. Es gibt so viel zu grübeln: über Peter Graf, über die US Open - und überhaupt.

Ein seltsamer Sommer. Eine Olympiade soll stattgefunden haben. Über die Ursache der parallel veranstalteten Flugzeugkatastrophe weiß man nichts. Vorige Woche gab es einen Golfkrieg; man konnte sogar Golfskriegsbilder sehen, aber die Kommentatoren meinten übereinstimmend, ein richtiger Golfkrieg sei es nicht gewesen. In Rußland haben sie, Verlautbarun­gen zufolge, einen Staatspräsidenten, dessen Abwesenheit damit begründet wird, daß er gerade prüfe, welcher Urlaubsort für seine Genesung angemessen sei.  Er sei noch am Leben, soviel könne er versichern - so der Regierungssprecher.

Zur Ernte dieses Sommers gehört, daß wir demnächst genmanipulierte Nahrung essen können. Die Sojabohne sei weitgehend resistent gegen das Pflanzenvernichtungsmittel, das derselbe amerikanische Unternehmer herstellt, dem wir die genmanipulierte Sojabohne verdanken, lesen wir. Die Logik dieser Mitteilung ist geheimnisvoll, aber es muß eine da sein. Es ist so, als würden uns die Bäcker davon in Kenntnis setzen, sie würden ab jetzt Rasiermesser in die Brote hineinbacken; es sei aber nicht so schlimm, sie bekämen die Rasiermesser gratis geliefert. Kennzeichnung nicht erforderlich.

Ein Mensch wurde entführt und tauchte wieder auf, ein guter Mensch mit dem Namen einer Zigarettenmarke, der gewohnt ist, als Wohltäter im Stillen zu wirken. Und ein Buch über die Deutschen ist in diesem Sommer erschienen, „Hitlers willige Vollstrecker“. Der Autor will sein Buch in Deutsch­­land verkaufen, darum muß er sich jetzt in „öffentlichen Diskussionsrunden“ verantworten. Und ganz plötzlich ist auch der verschwiegene Wohltäter ein gefragter Talk show-Gast. Bis zur Buchmesse werden wir damit beschäftigt sein.

Die Tage werden kürzer; man meint, es müßte nun endlich etwas Wirkliches passieren. Aber es geschieht nicht viel. Die Kinder lassen ihre Dra­­chen steigen, und tatsächlich: die Drachen sehen anders als im Vorjahr aus. Manche haben winzige Motoren und stürzen schneller ab.

 
Klaus Kreimeier


1996