GLASFASERN  23


Thalatta!

 
In Bordighera hat sich eine Gruppe älterer Einwohner zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen und an die Stadtverwaltung appelliert, alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um das Meer wieder sichtbar zu machen. Die italienischen Zeitungen heben hervor, daß es sich um erfahrene Bürger handelt, woraus man schließen darf, daß die Petitionssteller wissen, wovon sie reden - und daß ihre eigenen Augen noch gesehen haben, was heute dem Blick entschwunden ist und ohne ihr Gesuch wohl endgültig dem Vergessen anheimfallen würde.

Bordighera liegt zwischen Ventimiglia und San Remo, in jenem Abschnitt der Riviera di Ponente, der traditionell die „Blumenriviera“ genannt wird und sich seit dem frühen 19. Jahrhundert der enthusiastischen Aufmerksamkeit hochmögender Poeten und Potentaten erfreut. In der Tat - an Blumen mangelt es keineswegs; sie wachsen in mächtigen Betonkübeln an den palmenbestandenen Promenaden, und sie blühen, sorgsam nach Farben geordnet und zu purpurroten, azurblauen, zitronengelben und nachtvioletten Armeen formiert, in den gußeisern eingezäunten Beeten vor den Grandhotels. Der beträchtliche Rest geht in den weltweiten Export.

Um das Blumenwunder zu ermöglichen, hat man die Berghänge der Seealpen geopfert. Die Berge sind nicht verschwunden, aber sie liegen unter Glas. Unparteiisch scheint die Sonne gleichermaßen auf Natur und Industrie und läßt in den riesigen gläsernen Schwitzkästen an den Hängen die Blumenpracht der Riviera dei fiori gedeihen. Die ursprüngliche Vegetation hat sich ins Hinterland zurückgezogen und führt dort ihren Guerillakampf weiter. Und nun ist also auch der Anblick des Meers, jedenfalls in Bordighera, nur noch eine Erinnerung, die im Aussterben begriffen ist; eine Legende, von der die Alten erzählen. Wie ist es dazu gekommen?

Die Villen, die einst britische und russische Aristokraten an der Riviera errichten ließen, liegen am Fuß der Berghänge oder auf halber Höhe; man wahrte Distanz zum Strand, erhielt sich aber den Blick auf Himmel und Meer. Die Hotels der Jahrhundertwende rückten näher ans Wasser und bildeten mit Spielcasino und Strandpromenade jene mondän-mediterrane Kulisse, von der noch heute die Werbung des Fremdenverkehrs zehrt, obwohl sie längst in Bedrängnis geraten ist.

Die modernen Hotelketten bemächtigten sich schließlich des Strandes, teilten ihn unter sich auf, steckten ihre Claims mit Metallzäunen ab und errichteten eine Art chinesischer Mauer aus Badekabinen, mit der die Kundschaft, die sich der Strandbräune verschworen hat, wie ein schwer bezähmbares, vielköpfiges, herumwimmelndes Tier gegen den Rest der Menschheit abgeschirmt wird. Seither gibt es die Riviera als Phantasmagorie, den Tourismus als Realität - und die Badekabinen als Sichtblende gegen das Meer.  

Oben in den verglasten Bergen zieht die Autobahn ihre elegante Spur. Und von hier oben sieht man es, unzweifelhaft: eine blaue, glitzernde Scheibe bis an den Horizont: das Meer. Es ist vorhanden, keine Sinnestäuschung.  Ein paar Zypressen sind auch noch erhalten, hier und da eine Palme, eine verfallene Burg. Vor allem aber: das Meer. „Thalatta! Thalatta!“ riefen die Griechen, als sie nach der Schlacht von Kunaxa das Wasser erblickten. Heute hält hier und da in einer Parkbucht ein sehnsüchtiges Wohnmobil.
 
Womit erwiesen wäre: in Bezug auf das Meer bestimmt die Möglichkeit, seiner ansichtig zu werden, den entscheidenden Glücksmoment. Es ist eine Freveltat, dem Auge dieses Glück zu entziehen. Sehnsucht - das kann nicht mehr, aber auch nicht weniger als Seh-Sucht sein. Die ergrauten, erfahrenen Bürger von Bordighera, die andere Zeiten gesehen haben, plädieren für   simples Menschenrecht.

 
Klaus Kreimeier

1996