GLASFASERN  21


Im Treibhaus

Zusammenwachsen werde, was zusammen gehört: Willy Brandt ahnte wohl nicht, was er anrichten würde, als er bald nach der Wende diese Worte sprach. Was vermutlich als gelassene Prognose gemeint war, wurde vielfach als Appell mißverstanden und hat die deutschen Gefühlsvibrationen, die sie dämpfen sollten, erst recht auf Hochtouren gebracht. Seither gibt es jedenfalls, teils als Umkehrung, teils als Verlängerung des Spaltungstraumas, ein neues Trauma, das in der beunruhigenden Erkenntnis besteht, endlich vereinigt, gar wiedervereinigt, aber noch immer nicht genug zusammengewachsen zu sein.

Der Einigungsprozeß ist zu einer schweißtreibenden, oder, um es deutlicher zu sagen, ziemlich verschwitzten Angelegenheit geworden, in der zwei historisch nicht gerade folgenlose Eigenschaften der Deutschen wieder einmal einander zu übertrumpfen suchen: unser Organisationsfanatismus und unsere Neigung zu extremen Emotionen. Die Abwicklung der DDR durch die Treuhand, der Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin: alles nur eine Frage gut ausgedachter und tatkräftig umgesetzter Fünfjahres-Pläne. Einerseits. Andererseits schwellen die Anfeuerungsrufe der Einigungsbetreiber zu neupatriotischer Sonntagslyrik an, sobald in der einen oder der anderen Frage Widerstände, technische Probleme, unvereinbare Interessen oder einfach nur störende Zwischenrufe in Sachen Umzugszulage für Beamte zu verzeichnen sind. Das Projekt des Zusammenwachsens -  das mutmaßlich letzte Projekt der Deutschen in diesem nicht zuletzt unter deutscher Federführung zertümmerten Jahrhundert - ist in Gefahr.    

Dabei wäre zu fragen, ob wir dieses Projekt nicht besser ad acta legen sollten.

Wa­rum muß unbedingt „zusammenwachsen“, was zwar irgendwie zusammengehört,  aber miteinander so viele ungelöste Probleme, sprich: Krach auszutragen hat, daß eher etwas mehr Distanz, Reserviertheit, aufmerksame, aber durchaus kühle Höflichkeit zu wünschen wären? Menschen sind einander grundsätzlich fremd - sie geraten schnell in Raserei, wenn man sie zu eng miteinander in Berührung bringt oder ihnen gar befiehlt, zusammenzuwachsen. Als in Atlanta ostdeutsche Athleten ihren Streit mit westdeutschen Funktionären vom Zaun brachen, geschah dies auch unter dem Dampfdruck der Erwartungen, es möge nun endlich eine zur verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsene gesamtdeutsche Mannschaft der restlichen Welt zeigen, was eine Harke ist. Und wer sich die Haare rauft, weil west- und ostdeutsche Schriftsteller die allergrößten Schwierigkeiten haben, einen gemeinsamen Verein zu gründen, möge bedenken, daß die gegenseitige Abneigung Gründe hat und nicht durch kumpelhaftes Aufeinanderkleben, sondern nur durch die bewährten Formen zu überwinden ist, in denen Fremde miteinander verkehren: Leute, die ein paar gemeinsame Interessen, aber kaum dieselben Gefühle haben.

Vom deutschen Gemeinschaftswahn unterscheidet sich das Konzept der demokratisch-zivilisierten Gesellschaft darin, daß es die Differenz betont: die Widersprüche zwischen den Menschen und die Ferne, die zwischen ihnen liegt. Ferne trennt - aber sie ist ein humanes Fluidum der Kommunikation, da sie Aufmerksamkeit und Respekt für den anderen nicht ausschließt, sondern erst ermöglicht. Schon 1924 hat uns Helmuth Plessner empfohlen, Verhaltenstechniken zu entwickeln, „mit denen sich die Menschen nahe kommen, ohne sich zu treffen, mit denen sie sich von einander entfernen, ohne sich durch Gleichgültigkeit zu verletzen.“ Im Treibhaus des deutschen Zusammenwachsens  hingegen ist der Nähe-Kult, diese Sumpfblüte der alternativen Kultur, eine sonderbare Kreuzung mit neopatriotischen Aufwallungen eingegangen. Das Ergebnis ist, daß wir, immer stärker zusammenwachsend, die „Roheit des Aneinandervorbeilebens“ (Plessner) zur Tugend machen.

 
Klaus Kreimeier

1996