GLASFASERN  20
        
         Kulturwirtschaft

 
Kultur und Wirtschaft sind zweierlei - an dieser Maxime zu rütteln, würde nicht ein­mal einem ausgekochten Profithai einfallen, der mit kulturellen Gütern - ob „unbefangen“ oder „schamlos“, jedenfalls ohne geschäftsschädigende Skrupel - seine Gewinne macht. Er hat eine der Produktion von Lyrik, Sonaten oder avantgardistischer Malerei innewohnende ökonomi­sche Logik entdeckt, die er sich zunutze macht und den Kulturgütern damit eben jenen Wirtschaftsstatus verleiht, ohne den sie in der kapitalistischen Gesellschaft keine Güter, als auch keine Kulturgüter, sondern allenfalls Ablagen in der berüchtigten Schublade wären. Doch da auch ein Wirtschaftsmensch in aller Regel für sich in Anspruch nimmt, ein Kulturmensch zu sein, ist ihm nicht nur die Kultur, sondern auch der Unterschied zwischen Kultur und Wirtschaft heilig, und wenn er ins Theater geht, akzeptiert er stillschweigend, daß Hamlet angesichts der kulturlosen Zustände am dänischen Königshof  - „Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft!“ - genaugenommen alle Gewerbetreibenden beleidigt.

Die säuberliche Trennung hat nicht einmal die Filmindustrie verwischen können - jedenfalls nicht, was das Semantische betrifft. In der Praxis allerdings hat sich inzwischen erwiesen, daß die auf den ersten Blick eindeutigen und absolut trennscharfen Begriffe „Film­kultur“ und „Filmwirtschaft“ nur erfunden wurden, um das, was sich jeweils hinter ihnen verbirgt, durcheinanderzubringen. Zur möglichst wirkungsvollen Bewerkstelligung solcher Wirrnis hat man wiederum die Kategorien „Kulturförderung“ und „Wirtschaftsförderung“ eingeführt: mit dem durchaus beabsichtigten Resultat, daß man letztere mit durchschlagendem Erfolg betreiben kann, während man erstere hinter einem Schleier salbungsvoller Rhe­torik im Orkus der zu vernachlässigenden Größen verschwinden läßt - was offenbar nicht weiter auffällt, weil nur noch Spezialisten durchschauen, daß die solchermaßen geförderte Kultur keinen anderen Namen verdient als den, der Hamlet angesichts der dänischen Barbarei einfiel.

Nur von Zeit zu Zeit noch treibt der Etikettenschwindel redliche Zeitgenossen in Rage - wie jüngst den Schriftsteller Wolfgang Bittner, dem in seiner Eigenschaft als Mitglied des WDR-Rundfunkrats auf die Nerven ging, daß die vom WDR mitgetragene Filmstiftung Nordrhein-Westfalen insgesamt 4 Millionen Mark für die Verfilmung von vier Romanen des ehemaligen Gestapo-Mannes und Bestseller-Autors Heinz G. Konsalik bereitgestellt hat. Prompt war die alte Debatte Kultur- kontra Wirtschaftsförderung wieder auf dem Tisch.

Nun muß man wissen, daß die Filmstiftung NRW gegründet wurde, um nordrhein-westfälische Standortförderung zu betreiben. Ihr eigener Standort ist dem Düsseldorfer Neandertal benachbart, somit einem der ältesten Kulturstandorte der Menschheit. Und in ihrer Satzung bekennt sie sich, gleich unter Punkt Eins, zu einer Sache, deren Benennung nicht nur alle früheren Aporien in Sachen Kultur und Wirtschaft auf einen Schlag beseitigt, sondern auch unsere Sprachkultur wesentlich bereichert. Der Filmstiftung geht es nämlich dring­lich um die Weiterentwicklung der nordrhein-westfälischen „Filmkulturwirtschaft“. Der alte Widerspruch, den die  Praxis ohnehin erledigt hat, wäre damit auch semantisch gelöst - durch eine Wortverklumpung, bei der man offenbar darauf spekuliert, daß sie jedem Kritiker, der sich an ihr abarbeitet, im Halse steckenbleibt. Wie demokratiefeindlich, reaktionär, rassistisch, frauenfeindlich,  in einem Wort: inhuman die Vorlagen zu den von der Filmstiftung NRW geförderten  Filmen immer sein mögen: Es werden nordrhein-westfälische Kulturwirtschaftsfilme sein.

   

          Klaus Kreimeier

         1996

  zurück