GLASFASERN 16  


Fabelwesen

Eine Werbesprache, die unserem Körper befiehlt, gelegentlich „anzuspannen, abzuspannen und aufzutanken“, zaudert gewissermaßen, ob sie uns als Pferde oder als Automobile behandeln soll - als ahnte sie, daß wir als soziale Wesen nur noch bedingt der Natur, zu einem erheblicheren Teil hingegen der Maschinenwelt angehören. Gespaltenheit scheint unser Schicksal, das schon vor zweieinhalb Jahrtausenden die Griechen im Bild des Kentauren versteinerten, jenes Fabelwesens mit dem Unterleib eines Pferdes und dem  menschlichen Torso obendrauf. Wer sich die antiken Reliefs gründlich betrachtet, kann der Genauigkeit, mit der jeweils die tierischen und die menschlichen Formen nachgebildet wurden, schwerlich seine Bewunderung verweigern. Nur an den Übergängen, den „Schnittstellen“, wurde oft gemogelt.  Wie wurde aus dem Tier ein Mensch? Wie konnte es geschehen, daß sich die Menschen im Lauf der Zeit in Autos, Computer oder Geschirrspülmaschinen verwandelt haben?

Die Kentauren waren unsympathische Geschöpfe, die in den Bergwäldern Thessaliens ihr Unwesen trieben. In der Entscheidungsschlacht, der berühmten Kentauromachie, richteten sie noch ziemlich viel Unheil an, wurden aber schließlich von den Menschen, also sozusagen von ihren Oberkörpern, vernichtet.

Es fällt schwer, sich die Kentauren der Gegenwart vorzustellen. Der hochtechnisierte, halb aus naturgewachsenem Fleisch, halb aus der Stahlproduktion hervorgegangene Mensch, den Arnold Schwarzenegger in seinen „Terminator“-Filmen in die heillose Welt gesetzt hat, ist möglicherweise ein solcher Versuch. Aber die Werbesprache schlägt andere Bilder vor. Sie hält sich an den antiken Entwurf - mit einem nicht ganz unwesentlichen Unterschied: sie setzt auf den Pferdeleib ein Auto. Abspannen - und auftanken. Dabei sind auf unseren Straßen die Pferdegespanne längst von den Autos vertrieben worden. Das Bild ist schief. Es fällt allerdings auf, daß der Mensch aus ihm vollständig verschwunden ist. Er wurde zwischen seinen Fortbewegungsmitteln erdrückt.

Soweit er noch existiert, soll er, einem Reiseprospekt zufolge, ausgerechnet in Kreta aufgetankt werden: unter Einsatz der „minoischen Kultur mit ihren vielen bis heute erhaltenen Denkmälern“, der „unzähligen natürlichen Schönheiten“ auf dieser Insel sowie der „privilegierten Lage“ eines „authentischen Touristendorfs“. Nun ist Kreta, mythologisch gesehen, ein prekäres Terrain. Hier herrschte einst Minotaurus, halb Stier, halb Mensch. Inzwischen wurden allerdings Flugapparate erfunden, die es ermöglichen, das heutige Kreta mit seinen „Feriensiedlungen“ gewissermaßen aus olympischer Sicht zu fotografieren und die Fotos in Reiseprospekten abzudrucken. Was man sieht, gleicht geometrisierten Elendsquartieren, die sich zwischen Flughafen und Meeresstrand unter ein paar Pinien quetschen. Ein anderes Bild, das aus der Perspektive eines landenden Helikopters stammen könnte, zeigt das „authentische Touristendorf“  etwas genauer: eine Ansammlung weißgestrichener Container nebst  Süßwasser-Swimmingpool, die auch aus einem Katalog über die neuesten Freizeit-Center in Neufundland stammen könnte.

Minotaurus hat seine Spuren verwischt und das Labyrinth, das er einst behauste,  als  „Insel der Sonne, des Lächelns und der Schönheit“ an uns weitergegeben. „Living in Quality“ - so preist ein Reiseunternehmer seine Menschen-Garagen auf Kreta an, und er empfiehlt uns obendrein, inmitten der minoischen Kultur „auf der Funwelle zu reiten“. Also wieder die Pferde-Metapher. Der Mensch von heute ist Tourist: ein angespannter Apparat, der zum Abspannen und Auftanken sich irgendwie durch das Angebot der Mythen wurschteln muß. Halb Gaul, halb Reiter - halb Mensch, halb Auto: eine neue kentaurische  Figur, die noch nach ihrem Mythos sucht.

Klaus Kreimeier

1996

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