GLASFASERN 13 

Benutzer-Dic.

Meinem Computer habe ich die neueste Software implantieren lassen und sie sogleich nach ihrem Rechtschreibprogramm befragt. Wortschatz und Orthographie sind unwägbare Gewässer -   warum  sollte man gerade auf diesen Gebieten die subtilen Navigationsleistungen der Hochtechnologie verschmähen.? Schon in der ersten Zeile hat mich mein PC ertappt: Das Wort „implantieren“ kennt er nicht, mag er nicht, womöglich haßt er es - jedenfalls mahnt er mich, über ein Synonym nachzudenken. In Stilfragen bin ich stur, ich ignoriere seinen Vorschlag und klicke auf „nie ändern“, schon um mich zu rächen - mehr noch: ich füge den Begriff „implantieren“ dem „Benutzer-Dic.“ hinzu, was wohl soviel wie „Wörterbuchspeicher“ bedeutet. Auch dieses Wort ist im Programm nicht vorgesehen. Hier allerdings kann ich dem Computer Sprachgefühl nicht absprechen: er hat mit Recht den furchtbaren deutschen Komposita den Krieg erklärt.

Was aber habe ich davon zu halten, daß mein Rechner die auch in der Umgangssprache längst eingeführte Wendung „filmisch“ ablehnt und mir den Vorschlag macht, doch lieber „filzig“ zu verwenden?  Ich bin für ausgefallene Ideen stets zu haben, aber wenn ich einen Film ob seiner filmischen Qualitäten lobe, sehe ich keinen Grund,  von einem „filzigen“ Film zu sprechen, selbst wenn ich zugeben muß, daß man die Filmindustrie insgesamt für ziemlich verfilzt halten kann.

Überhaupt gehen mir die zweifellos gutgemeinten Ratschläge meines PC ziemlich auf die Nerven. Eigennamen akzeptiert er prinzipiell nicht - er ersetzt sie nach einem eigenwilligen, jedenfalls aleatorischen System einfach durch Sachbegriffe. Für den schönen Mädchennamen „Jeanne“ bietet er „Jeans“ an,  für den russischen Vornamen „Dziga“ doch tatsächlich „Disco“, und anstelle von „Dubarry“ solle ich, meint er,  „Dubai“ einsetzen! Gibt es im islamischen Dubai überhaupt eine Disco, und wenn ja: darf man dort Jeans tragen? (An dieser Frage hat mein Computer sprachlich nichts auszusetzen, nur beantworten kann er sie mir nicht.)

Allmählich komme ich dahinter,  daß diese Software mit mir ein krudes (Gegen­vor­schlag: „krummes“) Spiel treibt. Die elektronischen Wörterbücher haben mit den Finessen, der Elastizität, dem spielerischen Vermögen unserer täglich gesprochenen und geschriebenen Sprache nichts zu tun - sie eignen sich hingegen vorzüglich für das Lösen von Kreuzworträtseln. Ein Computer, der etwas auf sich hält, liegt  unablässig  auf  der Lauer; er wartet darauf, daß wir Fehler machen und uns hilfesuchend an sein besserwisserisches Rechenzentrum wenden. Phantasie muß man ihm zubilligen - wie käme er sonst auf die Idee, den Namen „Fernand“ mit „Fernamt“ zu übersetzen? Die Telekom hat da ihre Finger im Spiel, keine Frage, ebenso (siehe Dubai) die Erdöl-Multis und die US-amerikanische Textilindustrie. Das Sprachvermögen dieses Rechtschreibprogramms ist einschlägig vorbelastet, und seine sprachschöpferische Phantasie offensichtlich auch.

Auf diesen Gedanken kam ich allerdings erst,  als mein PC den Begriff „sprach­schöp­ferisch“ ablehnte, ohne in diesem besonders kritischen Fall in der Lage zu sein, eine sinnvolle oder auch völlig sinnlose Alternative vorzuschlagen. Ich hatte ihn offenbar an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Das erklärte mir, warum er in einem meiner Texte das Wort „vorübergleiten“ partout durch „vorüberfliegen“ ersetzen wollte. Aber ideologisch ertappte ich ihn erst in flagranti, als ich herausfand, daß er den Begriff „gesell­schafts­kritisch“ einfach nicht in seinem Repertoire hat! „Nicht im Wörterbuch" - so lautete seine Auskunft. Das alarmierte mich und gab mir den Mut, die Forderung „Mehr Radikalität!“ einzutippen. Seine Antwort: „Nicht im Wörterbuch“.  Sein Gegenvorschlag: „Rationa­lität“. Ich  habe diesen Rat befolgt und das Rechtschreibprogramm bis auf weiteres abgestellt.

Klaus Kreimeier

1996

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