Glasfasern 12


Krimskrams

Daß man auf einer CD-ROM die ersten 500 Folgen der "Lindenstraße" als Digest-Version erhalten kann, ist wohl als "Medienvielfalt" abzubuchen und dem Umstand zuzuschreiben, daß ein Medium das andere erzeugt, eine Technik die andere begattet und aus Büchern Filme, aus den Filmen TV-Serien, aus den Serien Comics und aus der ganzen fröhlichen medialen Promiskuität wiederum alle nur denkbaren Ton- und Bildträger wie CDs, Musik- und Videokassetten und eben auch CD-ROMs entstehen.

Erstaunlicher ist da schon, wie sich der Literaturbetrieb verändert. Wer Erich Loests Roman "Nikolaikirche" nur lesen will, muß sich mit dem Buchpreis von 48,80 Mark bestraft vorkommen, da er für das "Video-Doppelpack" (Literaturverfilmung plus Dokumentation) nur eine Mark fünfzehn mehr zu zahlen hätte, von der ebenso billigen CD-ROM ganz zu schweigen, die sogar "Film und Buch mit der Realität der damaligen Ereignisse vereint". Literatur, Kino und Wirklichkeit im Dreifach-Pack sozusagen; "Systemvoraussetzung" ist lediglich ein PC mit DX-Prozessor 386 nebst Windows-Software, Double-Speed-Laufwerk und Soundblaster - also der übliche Kram, den heute jeder benötigt, um ein paar Zeilen zu lesen, ein Bild zu betrachten oder Töne zu hören.

Dinge wie das Lindenstraßen-Kochbuch oder das einschlägige Straßenschild in Emaille, die der WDR für hartes Geld an die Lindenstraßen-Fans verscherbelt, werfen hingegen ganz neue theoretische Probleme auf, nicht minder der Lindenstraßen-Kaffeebecher, das Lindenstraßen-Badehandtuch und das Lindenstraßen-T-Shirt, Größe M oder XL. Medien erzeugen offenbar nicht nur andere Medien - sie produzieren mittlerweile Waren. Genauer gesagt: die Medienveranstalter, als Produzenten immaterieller Konsumwerte, sind zur Fabrikation ganz und gar stofflicher Gebrauchsgüter für Haus, Hof und Badezimmer übergegangen.

Der Besucher des Kölner WDR-Ladens "Maus & Co." betritt einen Basar, der ohne weiteres den umliegenden Großkaufhäusern Konkurrenz macht. Hier finden sich T-Shirts mit den Motiven "Mehr hören - mehr sehen" neben Feuerzeugen, Kartenspielen, Regenschirmen, Armbanduhren, Kugelschreibern, Keramikbechern, Socken, Stirnbändern, Müslischalen, Baseballmützen, Handpuppen, Postkarten, Kalendern und Plüschfiguren. Dinge also, die jedermann dringend benötigt - nur, daß er sie hier mit Reklame-Logos für die "Sendung mit der Maus", "Monitor", "Käpt'n Blaubart", "Geld oder Liebe", "ZAK" oder "Parlazzo" erwerben kann. Eigenwerbung, die sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk von seinen Kunden in klingender Münze bezahlen läßt - und eine Art kommerzialisierter Rache dafür, daß die Kunden selbst, als Radiohörer und Fernsehzuschauer, zunehmend zu den Kommerziellen abwandern.

Alle Bilder sind längst Werbebilder geworden. Die bilderproduzierenden Medien springen jetzt buchstäblich in die dritte Dimension und produzieren Waren, die keinen anderen Sinn haben, als für den Warencharakter ihrer Bilder Reklame zu machen. Daß die Medienindustrie nichts anderes als ein großes Kaufhaus sei, war schon immer ein schlimmer Verdacht der linken Kritik. Jetzt wenden ihn die Medienleute ins Positive; sie machen kein Geheimnis mehr daraus, daß sie verkaufen wollen. Möglichst viel, und möglichst viel Krimskrams.

Klaus Kreimeier

1996

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