Glasfasern 11


Tbilissi

Eine Regennacht in Tbilissi; im georgischen Fernsehen läuft ein alter amerikanischer Film mit Ava Gardner und Mel Ferrer, "The Sun also Rises" nach Hemingways Roman. Vom Kaukasus her ist ein Gewitter über die Stadt gezogen; Hagel prasselt auf das Blechdach und übertönt die Stimmen der Gastgeber, übertönt die Olé-Rufe in der Stierkampfarena von Pamplona. Ava Gardner und Mel Ferrer sind russisch synchronisiert, die Untertitel übersetzen ihren Dialog ins Finnische, und unser Gastgeber, Direktor des georgischen Fremdspracheninstituts, gibt uns eine Zusammenfassung auf Deutsch. Abchasische, ossetische, armenische, aserbaidschanische und georgische Zuschauer sitzen jetzt überall im Land vor den Bildschirmen und hören, wenn die schöne Brett Ashley am Ende zu Jake auf Russisch sagt: "Wir hätten so glücklich zusammen sein können." Die Schlußmusik geht im Rauschen des kaukasischen Regens unter.

Georgien ist, neben Armenien, der älteste christliche Staat der Welt. Die heilige "Erleuchterin" Nino hatte im vierten Jahrhundert dem Land das Licht gebracht, noch bevor das oströmische Reich die heidnischen Kulte verbot und das Christentum zur Staatsreligion erklärte. In kommunistischer Zeit wurde der Jungfrau auf einem Hügel über Tbilissi eine riesige schneeweiße Statue im Stil des sozialistischen Realismus errichtet und genau in die Blickachse der Autobahn plaziert, die, von Westen kommend, schnurgerade in die Stadt hineinführt - mit dem Lineal gezogen wie die Achse, die in Paris die Place Concorde mit dem Triumphbogen und mit La Grande Arche verbindet.

Eine andere Via Triumphalis, einem anderen Erleuchter zu Ehren, führt in der alten Stadt Gori auf einen kleinen, französisch angelegten Park zu, an dessen Ende eine niedrige bäuerliche Backsteinkate mit Holzveranda steht, Stalins Geburtshaus, überwölbt und eingerahmt von einem Säulenpavillon im sozialistischen Imperialstil. Die Wiege des kommunistischen Terrors: in Marmor "eingeschreint" wie,  nach Marx, die Helden der Commune im Herzen der Arbeiterklasse. Ein Monument, das seinen Gegensinn mitproduziert, denn der pompöse Baldachin ist auch ein Sarg, der das Haus (und was in ihm zur Welt kam) vor der Nachwelt hermetisch eingesperrt hält. Wie einen steinernen Container hat man ihn über das Heiligtum gestülpt. Im Park flanieren die Liebespaare.   

Die Lehre der erleuchteten Nino hat Dschugaschwilis Kirche überlebt. Heute geht ein sonderbarer "heiliger Vater" in Georgien um, der den nicht gerade zahlreichen Westeuropäern im Lande mit Bußpredigten gegen die Völlerei auf die Nerven geht und die Computer in den Verwaltungen mit Weihwasser besprengt. Er behauptet, die neue Technik segnen zu wollen, aber böse Zungen sagen, er lege es darauf an, den Festplatten elektronische Viren zum implantieren, die es nur in Georgien gibt.

Noch immer prasselt der kaukasische Regen aufs Dach; im Fernsehen läuft "Der Pate", danach die Spätausgabe der russischen Tagesschau. Jelzin schüttet über eine tschetschenische Delegation seine Friedensliebe aus; Bilder vom zerstörten Grosny gibt es hier, kaum hundert Kilometer entfernt, nicht zu sehen. Am Ende eine amerikanische Soap-Serie im Original mit russischem Ton aus dem Off.

Klaus Kreimeier

1996

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